Mit Winde, Gips und Lot
Ein kurzer Einblick in die aventurische Baukunst
von Udo Kaiser
Die Baustelle der almadanischen Kaiserpfalz Cumrat war Schauplatz des in der Wunderwelten Nr. 37 vorgestellten DSA-Abenteuers. Auch in den Abenteuer-Bänden Schatten über Travias Haus und Grenzenlose Macht spielen Bauarbeiten eine entscheidende Rolle. Weiterhin werden die Spieler, die ein aventurisches Lehen verwalten, gelegentlich ihre Burgen ausbessern müssen oder in einem der ihnen untertänigen Dörfern einen Perainetempel errichten wollen. Der nun folgende Artikel soll helfen, die besondere Atmosphäre, die einen solchen Bauplatz umgibt, darzustellen.
Der Versuch, hier auf alle Aspekte der aventurischen Baukunst einzugehen, wäre vermessen. Es ist an dieser Stelle einfach unmöglich über alle Bauverfahren, die in Aventurien angewendet werden, zu sprechen. So wird im folgenden weder auf die sicherlich sehr interessanten Bautechniken der Tulamiden, der Maraskaner oder Thorwaler eingegangen, noch über die Möglichkeiten gesprochen, die der aventurischen Architektur durch die Beteiligung von zwergischen Baumeistern oder durch den Einsatz von Magie zur Verfügung stehen. Es soll vielmehr gezeigt werden, wie sich die alltägliche Arbeit auf einer Baustelle gestaltet.
Aus einem Brief des Puniner Steinmetzmeisters Bradom Steinkühler an seine Frau:
...Die Verträge, die wir mit den hochgeborenen Damen und Herren aushandeln mußten, machen uns zu Sklaven ihres Geizes. All die Meister murren und klagen und vollbringen unzufrieden ein Werk, das dem Herrn Ingerimm nimmer gefallen mag.
Nun wurde auch noch ein Beamter aus Gareth zur Aufsicht uns vorangestellt. Dieser Baron von Sensenhöh traut weder den Bauherren noch uns Handwerkern, so daß er sich bisher standhaft und stur weigert, aus unserer Mitte einen Magister fabricae zu bestallen. Dies aber führt dazu, daß die Arbeiten nun immer wieder ins Stocken geraten, weil der sich tausendäugig glaubende Baron neben den Aufgaben eines Bauleiters und Werkmeisters auch die eines Inquisitorius´ übernommen hat.
So mußten die Maurer gestern und heute ruhen, weil es ihnen an Gerüsten fehlte. Die Zimmerleute hatten diese nicht rechtzeitig errichten können, da es ihnen an Holz mangelte, welches die Holzfäller jedoch ohne Auftrag nicht in den herrschaftlichen Wäldern zu schlagen wagten. Diesen Auftrag erteilte der Baron jedoch viel zu spät, weil er seine Zeit erfolglos damit vergeudete, uns Steinmetzen nachzuweisen, daß wir Werkzeuge stehlen.
Es ist alte Sitte und der Wille des Herrn Ingerimm, daß die Handwerker einer Baustelle mit dem Baumeister und nicht mit dem Bauherren ihre Verträge aushandeln. Sie sollen nach den Gesetzen der Zünfte eine Bauhütte gründen, in der ein jeder die ihm vom gewählten Werkmeister zugewiesene Aufgabe erfüllt. Ein solches Werk hat dann sicherlich den Segen der Götter. Doch hier in Cumrat....
Der verärgerte Meister Steinkühler hat sicher recht, wenn er bedauert, daß auf Cumrat aus Kostengründen von den almadanischen Baronen verhindert wurde, eine Bauhütte einzurichten. Ein solches von einem Baumeister geführtes Generalunternehmen wäre sicherlich ein Segen für die Kaiserpfalz.
In einer Bauhütte sind alle vom Baumeister beauftragten Handwerker organisiert, die durch strenge Verträge auf der Basis von Zunftgesetzen zu einer ordentlichen Ausführung ihrer Arbeiten verpflichtet werden, wofür sie im Gegenzug einen entsprechenden Lohn erhalten. In einer Bauhütte übernimmt der Baumeister (Magister operarius) die Planung des Baus, die Verhandlungen mit dem Bauherrn und die Organisation der Baustoffbereitstellung, während ein aus der Mitte der Handwerker gewählter Werkmeister (Magister fabricae) die handwerklichen Tätigkeiten koordiniert und den Laien (Tagelöhner und Fronarbeiter) ihre Aufgaben zuweist.
Die Bauhütte ist also ein typisches Beispiel dafür, wie die aventurischen Handwerker ihre Rolle in der Gesellschaft verstehen: Sie fühlen sich als freie Untertanen berechtigt, für ihre hochspezialisierten Arbeiten einen gerechten Lohn zu verlangen. Weiterhin beanspruchen sie für sich, daß sie die Ausführung dieser Arbeiten eigenständig organisieren, weil - und dieser Einwand ist durchaus berechtigt - nur sie über eine entsprechende Erfahrung verfügen.
Angesichts der letztgenannten Einstellung verwundert es auch nicht, daß einige sehr berühmte Baumeister, wie z.B. Jander von Erbelsloh, über eine eigene Bauhütte, d.h. über einen festen Stab von Handwerkern verfügen, mit denen sie durch ganz Aventurien reisen, um die ihnen gestellten Aufgaben bestmöglich zu erledigen.
Nur die traditionell absolut aristokratischen Machtstrukturen Almadas können erklären, daß in Cumrat keine Bauhütte gegründet wurde.
Der Fronarbeiter Gorm berichtet nach seiner Rückkehr zum väterlichen Hof:
Gorm: ...ich hätt´ lieber allein den Busch am Eiderteich gerodet, als wie ein dressiertes Äfflein in der Tretmühle zu laufen. Jeden Tach hatten die ´ne neue Quälerei für uns, als wenn -
Birke (Gorms jüngste Schwester): Tretmühle, was´n dat?
Gorm: Also, wenn die so ´ne Mauer von der Burch bauen, dann machen se die gleich doppelt. Erst ziehen se soooooo (Gorm breitet seine Arme weit aus) ´ne dicke Außenmauer hoch, dann baun se dahinter, vielleicht ein oder zwei Schritt entfernt ´ne zweite Mauer. Zwischen beiden ist ja nun nix, in dat se Unmengen von Geröll und Mörtel schütten. Die Mauern sind aber verdammt hoch und alles muß von oben rein. Also warten se bis die Wände trocken sind und baun obenauf die Tretmühle. Das ist ein großes Rad, in das se Frönler wie mich stecken, damit wir laufen und dadurch das Rad drehen. Durch irgendso ´nen Trick können die dann Kübel voll Geröll an Seilen hochziehen, so daß keiner sich das Kreuz verrenken und all den Schutt auf´m Buckel hochschleppen muß. In dem Rad schwitzt man wie ein Bär im Rondra, sieht immer nur das drehende Holz vor sich und glaubt bald, irrsinnig zu werden. Oft rutscht man auch im eigenen Schweiß oder in dem Wasser, das se auf die Seile gießen, aus und dann mußt Du aufpassen, daß die anderen in der Mühle Dich nicht tot treten oder Du aus dem Ding heraus von den Mauern fällst - .
Da fällt mir übrigens ein, daß letzte Woche der Sohn vom alten Teugen von einem dieser wackligen Gerüste gefallen ist. Hat sich alle Knochen gebrochen, das arme Schwein. Sein Vater wird wohl nicht mehr viel Freude an ihm haben...
Der Bericht des jungen Gorms über den dreischichtigen Aufbau einer typischen Festungsmauer ist sehr anschaulich und auch seine Beschreibung der Tretmühle ist einprägsam. Dieses Baugerät dient der Betreibung von Flaschenzugkonstruktionen, mit denen auch große Gewichte rasch in schwindelnde Höhen transportiert werden können. (Auf der Erde findet man heutzutage Tretmühlen in einer zweckentfremdeten Form fast nur noch in Hamsterkäfigen.)
Auf einer aventurischen Baustelle werden neben den Handwerkern auch immer eine große Menge Laienarbeiter angestellt. Diese werden tagtäglich neu eingeteilt, wobei ihnen in der Regel körperlich anstrengende, wenig qualifizierte Aufgaben zufallen. So werden sie für Aushubarbeiten, den Transport von Steinen und Holz sowie in den Steinbrüchen als Steinschläger eingesetzt.
Häufig befinden sich bei den großen Baustellen Aventuriens mehr Laienarbeiter als benötigt werden, was dem Werkmeister die Gelegenheit gibt, die Löhne zu drücken und nur die willfährigsten Tagelöhner einzustellen. Diese Ausbeutung führt natürlich immer wieder zu Unruhen, weshalb viele große Bauvorhaben auch von Bütteln bewacht werden. So rissen im Jahre 16 Hal aufgebrachte Laienarbeiter den zur Hälfte fertiggestellten Neubau eines Wehrturms im garetischen Vierok nieder, woraufhin das Werk aus Geldmangel eingestellt werden mußte.
Die Büttel auf den aventurischen Baustellen haben jedoch nicht nur die Aufgabe, Aufstände der Tagelöhner zu verhindern, sondern sie bewachen auch die Baustoffe und Werkzeuge. Letztere gehören nämlich nicht den mit ihnen arbeitenden Handwerkern, sondern sie werden vom Baumeister gestellt, welcher angesichts des Preises eines Steinbohrers sehr genau darauf achtet, daß keines der wertvollen Stücke gestohlen wird.
Neben den Werkzeugen sind natürlich auch die verschiedenen Baumaschinen, von denen bereits die Tretmühle vorgestellt wurde, von besonderem Wert. Im Abenteuer Cumrat werden Lastkräne und Steinschlitten beschrieben, doch der Erfindungsreichtum aventurischer Handwerker ist weitaus größer.
So gibt es neben vielen sehr nützlichen Dingen wie von Wasserkraft betriebenen Sägewerken und fahrbaren Baugerüsten auch schon einfache, aber sehr effiziente Mischmaschinen, in denen Mörtel und Gipse angerührt werden. Diese Maschinen ähneln überdimensionierten Fässern, die in horizontaler Lage über eine einfache Zahnradkonstruktion von im Kreis geführten Zugtieren um ihre Längsachse rotiert werden.
Der so gefertigte Mörtel wird gelegentlich mit speziellen Zusätzen wie Milch, Blut, Eiern oder Muschelinnereien versetzt, was tatsächlich von Vorteil ist, wenn die Fugen wasserdicht sein müssen. So wurde z. B. die Kanalisation von Rommilys unter Verwendung von fast 60000 Eiern und 44 Ox Molke errichtet.
Bei dieser besonderen Behandlung des Mörtels werden die Eier zerschlagen und nur das Eiweiß benutzt. Dies war dem selemitischen Baumeister Barris Jechterling jedoch ganz offensichtlich nicht klar, als er in die Wände einer Wasserzisterne in Port Störebrandt 144 ganze Eier einmauern ließ.
An der Tatsache, daß Jechterling 144 (12 x 12) Eier verwendete, wird ein weiterer Aspekt der aventurischen Baukunst sichtbar: Der Aberglaube.
Schon seit Alters her werden in die Grundfesten vieler aventurischer Bauwerke Dinge eingemauert, von denen sich die Bauherren einen segensreichen Einfluß auf das Bauwerk und seine Bewohner erhoffen.
So graben viele Bauern im Norden Weidens in Essig getränkte Marderschädel bei den vier Eckpfosten ihrer neu errichteten Hühnerställe ein, die das räuberische Wild vom Geflügel fernhalten sollen. Es ist üblich, daß mit dem ersten Spatenstich der Bau von Handelskontoren am 24. Phex, dem sogenannten Glückstag, begonnen wird. Als Grundstein vieler Burgen wird ein Stein von den Zinnen einer bisher noch nicht bezwungenen Feste verwendet.
Auf alle Varianten des Aberglaubens am Bau kann hier natürlich nicht eingegangen werden. Trotzdem sollen im folgenden zwei Beispiele aufgeführt werden, die die Bedeutung des (Aber-)Glaubens in der aventurischen Gesellschaft verdeutlichen:
So wäre sicherlich Hantur Gudman, ein Grobschmied aus Brabak erwähnenswert, der beim Bau seiner neuen Werkstatt nur Holz von Tannen verwenden wollte, weil dies die seinem Gott Ingerimm heilige Pflanze ist. Da Tannen im Königreich Brabak jedoch nicht vorkommen, mußte der Handwerker einen sehr teuren Transport von Holz organisieren, der die Kosten des Neubaus mehr als verdoppelte. Trotz der verhältnismäßig hohen Kosten arbeitet Gudman heute sehr zufrieden in einer mit Tannenholz erbauten Schmiede, auf die - so ist er sich sicher - Ingerimm mit Freude und Wohlgefallen blickt.
Ein anderes Beispiel stammt aus Baktrim, einem kleinen almadanischen Städtchen am Yaquirsteg, wo jedes Jahr am 1. Rondra ein Volksfest stattfindet. Zum Höhepunkt des Festes wird auf dem Marktplatz ein Ochse geschlachtet, dessen Blut mit Wein und Kalk vermischt wird. Mit diesem Gemisch werden dann die Mauern der Garnisonsfeste von Bactrim gestrichen. Dieser Brauch färbt die Außenwände der Burg rötlich und soll ihre Festigkeit erhöhen, damit sie niemals wieder unter dem Ansturm der Wüstenkrieger fallen mögen.
Hier hat sich ganz offenbar eine Tradition entwickelt, die ihre Wurzeln in der Geschichte der einst von den Novadis fast vollständig zerstörten Stadt hat.