In aller Frühe war es, als ich das Kaiser-Raul-Tor durchschritt, um zur Warenmesse auf dem Marktplatz zu gelangen, als wohltönendes Glockengeläut die Menschen auf die Straßen rief. Aus allen Eingängen, Türen und Toren strömten die wackeren, frommen Leute, Kaufleute wie Handwerker, Patrizier wie Gemeine. Sie strebten dem großen Kaiser-Yulag-Tempel in der Friedensstadt zu, um den Tag auf göttergefällige Weise zu beginnen. Auch ich schloß mich den braven Menschen an, wußte ich doch von vorherigen Besuchen, daß nicht eher die Geschäfte der Stadt aufgenommen würden, als bis der Göttin die gebührende Ehre erwiesen war (...)
Später dann schlenderte ich müßig durch die Straßen, das geschäftige Treiben zu schauen. Hinz und Kunz schien um diese Zeit auf den Beinen: Mägde, die zum Einkauf auf den Markt oder zum Wasserholen ausgeschickt waren, standen rings um den Brunnen und schwatzten, eine Kauffrau drängte sich kopfschüttelnd an der munteren Schar vorbei, offenkundig wenig erbaut über so viel Müßigkeit, wohl ahnend, daß ihre Magd derweil an anderer Stelle ähnlich faul herumgaffte, statt die ihr aufgetragenen Arbeiten zu verrichten. Ein Stiefelputzer bot lauthals seine Dienste an, gleich daneben bot eine alte Frau wohlschmeckenden Wildhonig feil, dick und golden triefte der süße Bienensaft von den wächsernen Waben. Eine Töpferin lavierte sich geschickt mit einer schweren Kiepe voller Geschirr durch das Gedränge, allzeit einen frechen Scherz auf den Lippen, so ihr jemand bedrohlich in den Weg trat, so daß ihre zerbrechliche Last gefährlich ins Schwanken geriet.
Ein Handwerksgeselle landete böse auf dem Hosenboden, als er über ein Ferkel stolperte, das seinem Hütejungen ausgebüxt war. Fluchend hob der Mann drohend seinen Wanderstab gegen den Knaben, doch der hatte geschwind wie ein Wiesel sein Ferkel gepackt, und war verschwunden, noch ehe der Geselle sich aufgerappelt hatte. Doch kühlte ein Krug Bier, den eine freundliche Rommilyserin, die sein Mißgeschick beobachtet hatte, ihm zum Troste reichte, seinen Zorn (...).
Besonders gestaunt habe ich, als unter Trommeln und Pfeifen ein Amtmann auf einem prächtigen Schimmel durch eine der engen Gassen ritt, einen Speer quer vor sich im Sattel haltend. Als ich einen Passanten fragte, was das denn zu bedeuten habe, erklärte mir dieser, daß von Zeit zu Zeit ein Beamteter der Stadt nachprüfe, ob die Baubestimmungen des Rates denn auch treulich eingehalten wurden. Manch Hausherr pflege auf sein Haus ein neues Geschoß aufzusetzen, und dieses so weit vorkragend zu bauen, daß in manchen Straßen gar kein Tageslicht mehr auf den Boden dringen könne, und die Nachbarn sich über die Straße die Hand reichen könnten. Das aber könne bei einem der von allen Stadtbewohnern gefürchteten Brände verheerende Folgen zeitigen. Oder es werde ein Anbau oder Schuppen geradewegs auf der Straße errichtet, daß es kein Durchkommen mehr gebe. Wenn also der Amtmann irgendwo mit seiner Lanze nicht mehr durchkomme, sei der Hausherr verpflichtet, den vorragenden Teil abzureißen, da helfe kein Gejammer(...)
(Eindrücke der Kauffrau Merlinde Bersinger aus Festum)
Wiewohl Neustadt genannt, ist dies Viertel doch beileibe nicht der jüngste Stadtteil Rommilys, wenn auch sicherlich einer der modernsten. Einstens als erste Erweiterung der Stadt außerhalb der Alten Mauer begonnen, bildet die Neustadt heute das Herz der Stadt. Und in der Tat, dies Viertel pulsiert wie die Lebensader im Körper eines Menschen, kreuzen sich doch nicht allein die wichtigsten Straßen auf dem Neumarkt, nein, selbiger bildet mit Stadthaus und Markthalle einen der Lebensmittelpunkte der Stadt, wie das nicht abreißen wollende Gedränge des tags verrät.
Wiewohl noch immer von den klassischen zwei-, dreistöckigen Fachwerkbauten geprägt, finden zunehmend steinerne Mietshäuser Verbreitung, wie sie in den vergangenen Jahren in fast allen großen Städten des Reiches in Mode gekommen sind, um der stetig wachsenden Stadtbevölkerung Wohnraum zu bieten. Die roten und braunen Ziegel für diese neuen Bauten stammen aus den Brennereien in Neu-Rommilys und wiewohl doch jene, die den alten Traditionen anhängen über diese häßlichen Auswüchse der Architektur schimpfen, sieht der Rat die Ziegelbauweise ob der in der engen Stadt stetig dräuenden Feuergefahr doch gerne, und gibt dem Bauherren aus dem städtischem Säckel dazu. Das stetige Wachstum der Stadtbevölkerung - und das, obwohl doch die Rommilyser Stadtluft nicht frei macht! - hat dazu geführt, daß es reichlich beengt innerhalb der alten Mauern zugeht - kaum ein Fleck in Aldewyk, Hafen und Neustadt, der nicht bebaut ist. So hat man auf eigentümliche Weise versucht, Quartier für neu Zugezogene zu finden: Findige Hausbesitzer sind auf die Idee gekommen, auf dem hinteren Teil ihrer Parzelle, der einstmals als Garten diente, kleine Hütten, Gaden oder Buden genannt, zu errichten, und diese kleinen Leuten zur Miete zu bieten. Was ursprünglich als Marotte einzelner Wunderlinge verschrien war, hat mittlerweile Schule gemacht, und in manchen Hinterhöfen wird auch das letzte bißchen Raum genutzt, um einen weiteren Gaden zu errichten. Bequem ist das Leben in diesen dunklen und engen Buden nicht, nichtsdestotrotz bleibt vor allem ärmeren Leuten kaum eine Wahl, können sie doch die Baukosten für ein kleines Haus in der Vorstadt kaum aufbringen, zumal, seitdem der Rat die Baubestimmungen verschärft hat und nicht mehr rein aus Holz gebaut werden darf - von den Elendsquartieren am Rande der Stadt einmal abgesehen.So teilen sich wohlhabende Handwerker und Kaufleute dies Viertel mit einfachen Gesellen, Tagelöhnern und ähnlichem Gesindel, wenngleich alles grundehrliche Leut mit einem Broterwerb.
Zwar sind die Gassen hier wie in anderen Vierteln der Stadt recht eng, einzig die Hauptstraßen sind breit genug, um Kutschen und Wagen gute Durchfahrt zu bieten. Dafür sind fast alle Gassen säuberlich gepflastert und mit Rinnsteinen ausgestattet - die Neustadt ist wie Aldeburg und Aldewyk an die Kanalisation angeschlossen.
Nicht umsonst übrigens ist es bei Strafe verboten, seinen Unrat einfach auf die Straße zu gießen, man muß dafür eines der Rinnlöcher aufsuchen.
Besonderer Augenmerk muß der Fürstin-Irmegunde-Allee zukommen, hat diese doch seit 5 Götterläufen vom Markt bis hinauf zur Fürstenburg eine Beleuchtung mit Öllaternen, die von Lampenwächtern allabendlich entzündet werden! Selbige ist im Übrigen die einzige Straße, die vom Öffnen bis zum Schließen der Tore befahren werden darf, will man doch vermeiden, daß schwere Fuhrwerke im täglichen Gewühle die engen Gassen verstopfen. Alle anderen Gassen dürfen allein vom Öffnen der Tore an 2 Stunden lang befahren werden und dann noch einmal 2 Stunden vor dem Schließen der Tore. Sind doch einmal Güter außerhalb dieser Zeiten eilig zu transportieren, stehen Karrenknechte mit Handkarren bereit, die Waren an ihren Bestimmungsort zu bringen.
Auf und rund um den Neumarkt hat sich allerlei Krämervolk angesiedelt, die mit Importwaren und Handwerkserzeugnissen aus der Stadt aufwarten. Gerade Handwerker aus der Unterstadt verlegen sich zunehmend darauf, ihre Erzeugnisse an die Krämer zu verkaufen, statt selbst einen Stand in der Markthalle oder in einer der umliegenden Gassen zu halten, kostet dies doch Zeit und Arbeitskraft, die sie lieber dafür verwenden, sich der Fertigung ihrer Produkte zu widmen. Diese Entwicklung hat mithin auch dazu geführt, daß anders als in anderen Orten mehr als einmal in der Woche Markt gehalten wird.