Reist der Fahrensmann mit einem der Flußkähne nach Rommilys, ist
es das Hafenviertel, das seinen ersten Eindruck von der Stadt prägt.
Ein buntes Treiben herrscht auf dem Pflaster des Kais: Hafenarbeiter beim
Be- und Entladen der Boote, Kiepenträger und Karrenschieber, die allerlei
Güte hin- und herschleppen, Zwerge, die sich geschäftig durch die
Menge drängen, Kaufleute, die angstvoll beim Verladen ihrer Waren zuschauen
oder sich lautstark mit dem Kranmeister um die Verladegebühr streiten.
Seiler und Sackmacher gehen ihrem Handwerk nach, Fischer flicken ihre Netze
und Reisen, hier und da sieht man gar einen Magier der Mephaliten. Da tummeln
sich Hausdiener, die frischen Flußfisch für ihre Herrschaften
zu erstehen suchen, zwischen streitenden Flußkapitänen, Werftarbeitern
und Reisenden, die Liste ließe sich noch lang fortsetzen.
Laut geht es zu, man vermag kaum sein eigenes
Wort zu verstehen. Verschiedensten Düfte erfüllen die Luft: Fisch,
Gewürze, Essen aus den nahen Schenken, Pfeifen und Mohaccaröllchen,
frische Flußluft, man kann sich kaum auf alle Eindrücke konzentrieren.
Doch umfaßt das Hafenviertel - besser gesagt der Alt- und der Neuhafen - weit mehr als das Pier mit seinen Werkstätten, Läden und Lagerhäusern. Auch die Häuser an der Stadtmauer gehören noch zum Hafenviertel, wiewohl sie doch durch die alte Mauer vom Hafen getrennt sind. Hier haben nicht nur viele Kaufleute ihre Kontore, Lager- und Wohnhäuser, auch Handwerker haben sich hier, wo man ihrer Künste alltäglich bedarf, niedergelassen. Vor allem aber die Schenken, die hier zu finden sind, werden weithin gerühmt, entsprechen sie doch kaum dem allbekannten Klischee von der schmierigen Hafenspelunke. Gewiß, solch Etablissement hat es auch zu Rommilys, besondere Zier des Alten Hafens sind jedoch die Schank- und Gasthäuser, die in vielen Fällen in zwergischer Hand sind. Ja richtig, das kleine Volk hat eine eigene Kolonie in der Fürstenstadt, Handwerker und Wirte selbstverständlich, und die Zwerge genießen hohes Ansehen. Die Fachwerk- und Ziegelbauten sind zum Teil bis in die Stadtmauer hineingebaut - man merkt, hier hat es lange keinen Krieg gegeben, und wenn, dann nicht von der Darpatseite aus - und bieten so dem Neuankömmling einen heimeligen und malerischen Anblick, den mancher Maler schon mit Tusche und Farben festgehalten hat.
Nirgendwo in Darpatien - so werden vor allem die Zwerge schwören - kann man so trefflich speisen wie im "Zwergenhort oder dem fürtrefflichen "Zum Hirten, nirgends sonst gibt es so kräftiges Bier, selbst nicht in Zwerch, und das will schon was heißen.
Besonderheiten gibt es viele. Von einem Alteingesessenen wird
man auf die alte Brücke aufmerksam gemacht, deren Pfeiler noch auf beiden
Seiten des Darpats sich einige Fuß aus den Fluten erheben. Dieses Projekt
Fürst Gerhelms II. sollte das rechtsdar-patische Rommilys mit dem
linksdarpa- tischen Neuborn verbinden. Leider vergaß er, daß
kaum so viele Tag für Tag den Darpat an dieser Stelle überqueren
mußten, keinesfalls genug jedoch, um den schwierigen und damit
kostspieligen Bau einer Brücke zu rechtfertigen. Auch stieß das
Projekt des Fürsten bei den Fährleuten und Bootsverleihern auf
wenig Begeisterung, sahen die doch im wahrsten Sinnne ihre Fische davonschwimmen.
So wurde das Projekt kurz nach Beginn der Arbeiten wieder fallengelassen, den Verkehr aber bewältigt auch heute noch mühelos die Kettenfähre.
Eine weitere Attraktion im Rommilyser Hafen (dem alten Hafen, genaugenommen) sind die gewaltigen Ladekräne. Wahre Meisterwerke der Technik, so pries die Rommilyser Postille die beiden Kräne am Tage ihrer feierlichen Inbetriebnahme vor 25 Jahren. Mittlerweile ein wenig in die Jahre gekommen, tun die Kräne auch heute noch brav ihre Pflicht. Lasten von bis zu stolzen 1000 Stein können die Zugochsen, die die Seilwinden ziehen auf diesem Wege in die Lüfte heben. Derzeit ist ein dritter Kran im Neuhafen in Bau, der in der Lage sein soll, noch schwerere Lasten zu heben.
Der Fremde sei vorsichtshalber auf die schon sprichwörtliche Rivalität der Althafener und Neuhafener hingewiesen, die in steter Konkurrenz leben, man achte tunlichst darauf, wenn man sich im Hafenviertel tummelt.