Einmal im Jahr, im Spätsommer, ist großer Pferdemarkt zu Rommilys
- Equesmarkt (nach Equus, Alt-Bosparano für Pferd) genannt, und
Roßhändler und Käufer von nah und fern kommen in die
Darpatmetropole, um über Rösser und Zucht zu fachsimpeln, die eigenen
Tiere mit denen der Konkurrenz zu messen und selbstredend Pferde zu kaufen
und zu verkaufen. Vornehmlich Darpater Warmblüter sind es, die hier
feilgeboten werden, gute und ausdauernde Reit- und Kutschpferde, mit einem
mehr oder minder großen Einschlag Elenviner oder Shadifblutes, je nach
Gusto und Geldbeutel des Käufers. Auch die berühmten Reitpferde
mit beilunker Brand werden verkauft, desgleichen schwerere Arbeitspferde,
Trolling genannt, kräftige, mittelgroße Zugpferde mit dunklem
Fuchsfell und hellblonder oder dunkler Mähne, die sich auch auf steilen
Trollzackenpfaden noch als trittsicher erweisen. Traditionsgemäß
findet sich auch eine Delegation der Zwercher Zwerge hier, die Reit- und
Grubenponys anbieten.
Berühmt sind außerdem die Pferde aus fürstlicher Zucht, Darpater
und Elenviner. Doch auch Vertreter fremdländischer Zuchten geben sich
hier ein Stelldichein, ihre edlen Rösser dem dukatenschweren Kunden
feilzubieten, hier vornehmlich zu nennen, die Aranier und Tulamiden.
Im Laufe der Jahre hat sich der Equesmarkt zu einem Volksfest gewandelt,
und neben den Roßverkäufern stellt sich auch allerlei Gaukelvolk
ein, ebenso wie stadtansässige und fahrende Händler. Zur Belustigung
des einfachen Volkes werden Wettkämpfe abgehalten, so im Armdrücken,
Tauziehen, dem Wettlauf oder dem Seilklettern. Waffen will man zu diesem
heiteren Fest nicht sehen, und so entbehrt der Wettstreit jeglicher martialischer
Disziplinen.
Im Mittelpunkt stehen aber selbstredend Reiterwettspiele aller Art. Hier
können Roß und Reiter ihre Geschicklichkeit und Kraft beweisen,
wie im Ringstechen oder im traditionellen Stiertreiben der Darpaderos.
Doch Höhepunkt des Festes sind unzweifelhaft die Equides oder Pferderennen. Was als Wettstreit zwischen Züchtern und Pferdebesitzern begann, hat sich mittlerweile zu einem Ereignis gewandelt, das die ganze Stadt in seinen Bann zieht. Denn seit gut 200 Jahren findet als Höhepunkt ein Rennen statt, in dem die einzelnen Stadtviertel, Zünfte, Gilden oder sonstige Gruppierungen der Stadt ihre Rösser und Reiter gegeneinander in die Rennbahn schicken.
In einem jedoch unterscheidet sich das rommilyser Equide von ähnlichen
Rennen, die in anderen Städten abgehalten werden, sind es doch keine
Rösser aus Fleisch und Blut, die ins Rennen geschickt werden, sondern
gewaltige hölzerne Ungetüme in Roßgestalt. Und das aus folgendem
Grund:
Als im Jahre 79 v.H. das Fürstentum mit Tobrien in blutiger Fehde lag,
untersagte Fürst Gerhelm II. die Austragung des Bürger-Equides
und ließ kurzerhand alle Rösser für seine Soldaten requirieren.
Doch blieben ihm die empörten Bürger nicht lange eine Antwort schuldig.
Nach einigen Tagen und Nächten eifrigster Vorbereitung war es so weit,
die Fanfaren kündeten von der Eröffnung des Rennens.
Wutentbrannt eilte Fürst Gerhelm II. mit seinen Soldaten auf den Marktplatz,
die ungehorsamen Bürger zu strafen und ihnen die Pferde abzunehmen.
Doch wer kann das Erstaunen des Herschers ermessen, als er statt feuriger
Rösser monströse, hölzerne Gebilde sah, die entfernt an Pferde
erinnerten. Anstelle der Beine hatte man den Holzpferden Räder montiert
und vier wackere Burschen und Maiden standen bereit, das Gefährt wacker
vorwärtszustemmen, auf dem einer ihrer Gefährten sich niedergehockt
hatte. Zur besseren Unterscheidung hatte man Menschen wie Holzpferden bunte
Tücher umgehängt, und als der Startruf erscholl, da legten sich
die Frauen und Männer tüchtig ins Zeug, ihrem Gaul den rechten
Schub zu geben. Die Menge aber jubelte ihren Favoriten zu, tobte und raste,
als die Holzungeheuer um die Kurven donnerten, es fehlte nicht viel und eines
der Ungeheuer wäre beinahe in der Auslage eines Ladens gelandet. Den
Sieg trug schlußendlich das Gefährt der Schreinerzunft davon und
man darf es wohl als Zeichen des Wohlwollens der Zwölfe deuten, das
just die Mannschaft das Rennen gewann, die auf die kluge Idee gekommen war,
die Holzrösser zu bauen.
Seit jenem Tage hat man an dieser Art, das Rennen abzuhalten, festgehalten, und die Bewohner einer jeden Mannschaft fiebern nicht minder mit ihren Favoriten mit, als wenn sie auf echten Rössern säßen. Die Holzpferde aber werden gehegt und gepflegt und liebevoll für ihr Rennen geschmückt. Mittlerweile ist man davon abgekommen, die Mannschaften durch bunte Tücher voneinander zu scheiden, statt dessen werden die Pferde grellbunt in den Farben ihres Viertels oder ihrer Zunft bemalt.
Waren es ursprünglich fünf Parteien, die um die Krone der Equide
stritten, ist die Zahl der Kombattanten mittlerweile auf 12 angewachsen.
Mannschaften wie z.B. Allahopp Aldeburg, Vorwärts Holzwurm, Winzers
Gloria oder die zuletzt zugelassene Mannschaft von Rahjas Stute (Stadtteil
Paradies) streben nach der güldenen Krone. Bislang erfolgreichste Equipe
darf sich die Mannschaft Sturm Althafen nennen, der es siebenmal, davon viermal
in Folge, gelungen ist, das Rennen für sich zu entscheiden. Die Zunft
der Krämer, die bislang noch zur Partei Rondrikan Neustadt gehört,
bemüht sich derzeit darum, als eigene Equipe zum Rennen zugelassen zu
werden, doch zögert der Stadtrat, die unheilvolle Zahl 13 vollzumachen.
Es bedeutet ein besonderes Privileg, zu einer der Parteien zu gehören.
Zu den alteingesessenen haben nur Söhne und Töchter der
Gründungsmitglieder Zugang, andere verlangen eine ansehnliche Summe
(neben einem unzweifelhaften Leumund), will man dazugehören.
Es hat schon einen ganz besonderen Flair, zu Zeiten des Equide die Stadt
zu erleben, ist das sonst so sittsame und züchtige Rommilys doch wie
ausgewandelt: Schon vor den Rennen gibt es in den Quartieren der jeweiligen
Partei festliche und fröhliche Empfänge, sich auf das Rennen
einzustimmen, und längst reichen die heimatlichen Trinkstuben und Schenken
der Parteien nicht aus, die begeisterten Massen der Feiernden zu fassen.
So stellt man einfach Tische und Bänke in die schmalen Gassen und feiert
dort draußen, und selbst in so ehrwürdigen Vierteln wie dem Aldewyk
geht das Treiben in den Straßen bis tief in die Nacht. Peinlich jedoch
wird darauf geachtet, daß kein "feindlicher" Parteigänger sich
in das Revier der eigenen Mannschaft verirrt; solchen "Spionen und Saboteuren"
soll es schlecht ergehen. In der Tat hat es in der Vergangenheit immer wieder
Versuche gegeben, die Holzpferde der Gegner zu manipulieren oder sich gar
an den Angehörigen einer Equipe zu versündigen.
Und so muß die Stadtgarde insbesondere in der Nacht vor dem Rennen
auf der Hut sein, wenn die aufgepeitschten und bierseligen Angehörigen
der Parteien auf Händel aus sind.
Auf diesen Feiern werden aber auch nicht zuletzt Wetten geschlossen, von
einem Heller bis zu dukatenschweren Beuteln setzen die begeisterten Städter
ihre Einsätze auf ihren Favoriten. Zwar wendet sich insbesondere die
Traviakirche gegen diese Unart, doch ist sie unausrottbar, selbst der Adel
enthält sich nicht dieser Leidenschaft und so hat man davon abgesehen,
das Wetten zu untersagen.
Traditionsgemäß führt das Rennen durch die Straßen
der Stadt, vom Reichskanzler-Randolph-Tor in Aldeburg zum Kaiser-Raul-Tor
via Aldewyk und Althafen. Und es ist schon ein atemberaubender Anblick, die
schweren, eisenbeschlagenen Holzrösser mit den heftig schnaufenden Schiebern
über das Pflaster der Gassen in überraschend hoher Geschwindigkeit
hinwegrumpeln zu sehen. Ganz ungefährlich ist dies Spektakel allerdings
nicht, auch wenn es den Mannschaften streng untersagt ist, sich willentlich
zu behindern, zu bedrängen oder gar zu attackieren.
Manches Mal schon haben sich Reiter oder Mannschaft bei der Equides ernstlich
verletzt, wenn eine Kurve doch zu eng, eine Gasse zu schmal oder die
Geschwindigkeit zu hoch war. Und auch für die Zuschauer birgt das Rennen
einige Gefahren, nicht zuletzt, wenn begeisterte Anhänger vor ihrer
Equipe auf die Gassen springen, die Mannschaft anzufeuern oder die Equide
der gegnerischen Partei ins Schlingern zu bringen. Einige Male bereits hat
es Verletzte gegeben, wenn eines der Gefährte in eine Zuschauergruppe
geraten ist. Und so berät der Rat derzeit einen Antrag, das Rennen
künftig auf einer abgesteckten Bahn außerhalb der Stadt abzuhalten.
Für die jungen Burschen und Maiden bedeutet es eine hohe Auszeichnung, einmal Reiter oder Schieber ihres Equides-Pferdes zu sein, und die Sieger zählen für ein Jahr zu den ungekrönten Königen der Stadt. Zu Ehren der siegreichen Partei wird am Abend nach dem Rennen ein prächtiges Festmahl gegeben, auf dem der Stadtvogt im Namen des Fürstenhauses den Siegpreis, eine Pferdestatuette aus lauterem Gold, übergibt. Einen Götterlauf werden die heldenhaften Sieger in allen Schenken der Stadt freigehalten, auf allen großen Festen sind sie geehrte Gäste. Die Patrizier und selbst manche Adelige schmücken sich auf ihren Empfängen mit den mutigen und flinken Equides.
Doch die größte Gunst, die den Siegern zuteil wird ist wohl die
Ehre, die alljährliche Travinian-Prozession mit ihrem Roß
anzuführen.