In einer Provinz, die so lange schon von einer Familie wie den Rabenmunds beherrscht wird, ist es nicht verwunderlich, daß ein Geheimdienst die Fürstin mit wichtigen Neuigkeiten aus allen Ländern und Provinzen, vornehmlich aber dem eigenen Herrschaftsgebiet versorgt. Untergebracht in einem schlichten Haus in der Thuan-Horas-Straße, das als Sitz der Fürstlich Darpatischen Verwaltung gekennzeichnet ist, muß man sich schon gut in den Geschicken der Stadt auskennen, um zu wissen, daß sich hinter der unauffälligen Fassade die "Fürstlich-Darpatischen Erkundungs-Abteilung" verbirgt. Kein Schild und keine Wache zeigen die Bedeutung, die diese Institution für die Geschicke des Fürstentumes hat. Entstanden aus einer Erkundungs-Schwadron des fürstlichen Heeres, sind heutzutage nicht nur militärische und politische Geheimnisse, sondern auch wirtschaftliche Errungenschaften Objekte der Begierde.
Wegen des Einsatzes der FDEA für den Ursurpator Answin, stand die Agentur kurz vor der Auflösung. Dexter Nemrod vertrat die Auffassung, daß es dem Fürstenhause gleich allen anderen Provinzherrschern wohl genügen könne, auf die Dienste der KGIA zurückzugreifen, die dem ganzen Reich verbunden sei, wenn sich denn die Erfordernis ergebe.
Einige Jahre übte man sich denn auch in Zurückhaltung, doch mit dem Aufkeimen des Borbaradianismus fand man einen (durchaus triftigen) Vorwand, das FDEA neu zu beleben. Wiewohl noch weit von dem Status entfernt, den man vor der Answinkrise einnahm, wächst die FDEA langsam aber stetig. Eine Zusammenarbeit zwischen ihr und der KGIA findet aber so gut wie gar nicht statt, eher im Gegenteil, das KGIA beäugt die Umtriebe der FDEA voller Mißtrauen..
Kein Geheimnis ist, daß die Edle Zoe von Altbergen, die ihr Handwerk bei der KGIA erlernt hat, die FDEA führt. Doch über die restlichen Mitarbeiter, Agenten und Mittelsleute ist der Mantel des Schweigens gedeckt. Sind die in diesem Viertel verkehrenden Fernhändler wirklich das, was sie vorgeben? Verbirgt sich hinter dem Geweihten, der regelmäßig das Haus des FDEA aufsucht, tatsächlich ein Spion oder wird er allein zu Verhören herbemüht? Treiben sich die Bettler in den Gassen rund um das Haus tatsächlich nur deshalb dort herum,.um sich ein paar Münzen von Passanten zu erbetteln? Oder beobachten sie vielmehr, wer das Haus betritt?
Der Geheimdienst Darpatiens hat nur wenige "Agenten", aber ein breit gefächtertes Netz aus Informanten. Darunter fallen Fernhändler und Laien-Priester, Bettler, Jäger und allerlei fahrendes und streunendes Volk. Jeder, der weit herumkommt und viel mitbekommen könnte, ohne Verdacht zu erregen, ist für diese Arbeit prädestiniert. Aber auch Angehörige der höheren Stände und gar des Adels finden sich bereit, dem Fürstentum auf diese Weise zu dienen.
Die beiden etablierten großen Fahrensgemeinschaften der Stadt (Darpatisch-Aranische u. Festumer- Rommilyser) unterhalten gemeinsam in Aldewyk ein Teehaus, wo sie sich zum Erfahrungsaustausch und zum Abschluß neuer Geschäfte treffen.
Das Teehaus befindet sich in einer schmucken Villa in neu-rommilyser Stil. Der 2-stöckige, recht imposante Fachwerkbau mit den beiden Ecktürmen ist erst vor einiger Zeit renoviert worden. So hat man die Ausfachung mit rotem Backstein ausgefüllt, was im Zusammenspiel mit den schwarzen Holzbalken einen reizvollen Gegensatz und Blickfang ausmacht.
Im Erdgeschoß befindet sich eine geräumige, gemütlich ausgestattete Gaststube mit tiefer Balkendecke und kostbarer Vertäfelung. Dort werden vornehmlich mannigfache Sorten Tee serviert, doch auch Weine aus Aranien und Schnäpse aus dem Bornland werden hier gereicht. Im Obergeschoß befinden sich Besprechungsräume, in denen schon manches bedeutende Geschäftsabkommen vereinbart worden ist.
Üblicherweise bedarf es der Einladung eines Mitgliedes einer der beiden Fahrensgemeinschaften, um Einlaß in die der Öffentlichkeit nicht offen stehenden Stube zu bekommen. Doch gelegentlich finden hier auch öffentliche Vortrags- und Gesangsabende statt. Auch würde man Bürger von Rang und Stand, geschweige denn Adelige kaum durch eine Abfuhr vor den Kopf stoßen.
Für reisende Abenteurer und Söldlinge mag von Interesse sein, daß die Fahrensgemeinschaften des öfteren auf der Suche nach tatkräftigen Waffengesellen sind, als Bedeckung für die Handelszüge, leistet man sich doch, anders als die Fürstlich-Aranische Handels-Compagnie keine feste Söldlingstruppe. Neben dem Eingang des Teehauses ist eine große Tafel angebracht, auf der die Händler mitteilen, wieviele Leute sie für welche Route suchen.
Dieses einfache verputzte, dreistöckige, eher unscheinbare Gebäude ist im Besitz der Familie Finsterbinge. Während sich in den Obergeschossen ein Kontor und Lagerräume befinden, ist im Erdgeschoß das Tabakskollegium untergebracht. Dort werden Tabake in großer Auswahl (eine weniger edle Auswahl wird auch einmal die Woche auf dem Markt präsentiert) dem solventen Kunden zum Kauf angeboten.
Das Angebot ist mannigfaltig, vom Alanfaner Schwarzen über den Blauer Dschinn bis zum Ongalo Goldblatt werden hier alle erlesenen Rauchkräuter (nicht Rauschkräuter!) angeboten, gleich ob für die Pfeife (an guten Pfeifen hält man ebenfalls eine Auswahl bereit), ob als Zigarre, Mohaccaröllchen (wiewohl letztere als wenig fein gelten) oder gar für die Wasserpfeife.. Besonderer Beliebtheit bei der jungen Gesellschaft erfreuen sich derzeit Moharillos, schlanke, nicht ganz so starke Zigarren, die man gerne mit einer elfenbeinernen Spitze raucht.
Dem Laden angeschlossen ist ein kleiner, aber überaus fein eingerichteter Salon, wo man die erstandenen Kostbarkeiten (und teuer sind die Tabake!) in guter Gesellschaft genießen kann. Dazu werden Getränke ausgeschenkt, wie erlesene Weine und Weinbrände, sowie Tee bester Güte und Chocolata.
Hier sitzen Bürger aller (gehobenen) Professionen in gemütlichen Ledersesseln an zierlichen Mohagonitischchen und lesen Zeitungen aus fernen Landen, die hier zu gefälligen Lektüre bereitliegen. Dazu wird der Lieblingstabak geraucht oder auch mal eine neue Marke verkostet. Man disputiert über die Politik der Fürstin, des Reiches und über Ereignisse die fern ab passiert sind.
Um Einlaß in den Salon und seine Gesellschaft zu finden, bedarf es einer Gebühr von 2 S. Tabak und Getränke müssen selbstredend extra bezahlt werden. Für Stammgäste entrichten einen allmondlichen oder jährlichen Obolus.
Die F.D.H. wurde einst unter Fürstin Miralda gegründet, um dem schleichenden Verfall der Qualität darpatischer Waren Einhalt zu gebieten. Das Fachwerkhaus in der Einhorn-Gasse zählt zu einer der bedeutendsten Institutionen für das merkantile Leben der Stadt. Hier arbeiten Kammerräte, Assessoren und Schreiber an der immensen Aufgabe, Zölle und Steuern festzulegen. Besonderer Augenmerk wird jedoch auf die Aufgabe verwandt, dafür zu sorgen, daß die Waren des Fürstentumes, insbesondere jene, die für den Fernhandel vorgesehen sind, von untadeliger Qualität sind. Nur solche Waren erhalten das begehrte fürstliche Siegel, die alle Anforderungen erfüllen. Die Qualitätskriterien werden in Absprache mit den Zünften und Gilden und der FDH festgesetzt. Solche aber, die böswillig gegen die Vorschriften verstoßen, um sich falschen Profit zu verschaffen, müssen mit schweren Strafen rechnen, bis hin zu einem Verbot, sein Handwerk auszuüben. Die minderwertigen Waren aber werden vernichtet.
Zu diesem Behufe werden Warenbeschauer in die Werkstätten, Speicherhäuser und Kontore gesandt, zu kontrollieren, ob die strengen Anforderungen treulich eingehalten werden. Auch in den anderen großen Städten des Fürstentumes gibt es eine Niederlassung der Handelskammer, darüber zu wachen, daß die Auflagen eingehalten werden.
Die Prüfungsergebnisse werden hernach schriftlich festgehalten und alljährlich in einem Bericht an die Fürstin veröffentlicht. Auch bei den Viehzüchtern des Fürstentums sind die Kontrollen der Rosinenzähler" (wie sie spöttisch im Volksmund genannt werden) gefürchtet, wurden doch schon Herden, die gerade gen Gareth oder Punin verbracht werden sollten, zurück auf die Weide geschickt oder gar dem Metzger übergeben, da sie nicht den Anforderungen entsprachen. Und ganze Fässer minderwertigen Weines sind schon dem Daropat überantwortet worden.
Dadurch aber genießen darpatische Waren überall in Aventurien den allerbesten Ruf, warum es auch noch kein Herrscher des Fürstentums gewagt hätte, diese recht aufwendige Institution abzuschaffen, was Cordovan von Falbingen, dem fürstlichen Erz-Kämmerer, nur recht ist.
Auch die Stadtobersten der Bürgerschaft haben sich diese strenge Handhabung der Handelsgesetze zur eigenen Tugend erhoben, und eine Verordnung erlassen, nachdem auch Waren und Handwerksgüter, die zum Verkauf in die Stadt gebracht werden, sich eine Überprüfung gefallen lassen müssen, bevor man sie auf dem Markt (mit Ausnahme des Tulamidischen Basars) feilbieten darf. Zu diesem Zweck beschäftigt die Stadt eigene Warenschauer, die mit den Beamten der Fürstin eng zusammenarbeiten.
Wiewohl einer der wenigen öffentlicher Phextempel im Mittelreich, ist das ehemalige Haus einer Fernhändlerin, das diese der Kirche hinterließ, für Stadtfremde nicht auf Anhieb als Tempel des Fuchsgottes zu erkennen - Zugeständnis an die Praioskirche, die es nicht gerne sieht, wenn sich ein Tempel des göttlichen Gegenspielers Praios in Nachbarschaft zu der heiligen Halle des Güldenen befindet. Einzig der goldene Fuchskopf über dem Eingang gibt Kunde, daß sich hier Anhänger des Gottes der Händler und des Glückes versammeln, doch immerhin wissen die meisten Rommilyser einem Auskunft zu geben, wo der Tempel zu finden ist.
Der kleine Tempelraum ist reich ausgestattet, zeigen sich die wohlhabenden Händler doch geneigt, sich für den erhandelten Gewinn dankbar zu zeigen. Herzstück ist der ganz aus Gold gegossenen sitzende Fuchs, der den Zugang zu den Schatzkammern in den Kellergewölben bewacht.
Lange Zeit konnte sich Vogtvikar Berman von Trondwigs Kluft (1,78, dicklich, rote Haare, Sommersprossen, blaue Augen) dem drei Geweihte zur Seite gestellt sind, beruhigt dessen gewiß sein, daß die Praiospriester zwar heftig im Tempel- und Stadtrat gegen die Glaubensgemeinschaft des Phex wetterten, jedoch keine Chance hatten, tatsächlich zu erreichen, daß die öffentliche Ausübung des Kultes beschränkt würde. Nicht zuletzt, weil die zahlreichen Händler der Stadt ihren Einfluß geltend machten. Seitdem Fürstin Irmegunde sich aber so offen als strenge Gefolgsfrau des Götterfürsten und Jarieltreue bekannt hat, weht Berman ein heftigerer Wind entgegen.
Berman versucht sein Bestes, seinen Einfluß geltend zu machen und die erstrittenen Privilegien zu wahren. Doch zeigt der Tempel am Alten Markt nur die eine Seite des so widersprüchlichen Phexkultes. Neben dem Haus zum Güldenen Fuchs wird ein zweiter geheimer Tempel im Hafenviertel unterhalten, der seinen Zugang - oder besser seine Zugänge, denn man munkelt es gäbe ein halbes Dutzend davon, zum Teil Gänge, zum Teil nur enge Röhren, durch die sich kaum ein Mann durchquetschen kann - in dem labyrinthartigen Gewirr aus Kanalisation und Stollen hat. Hier opfern die lichtscheueren Anhänger Phex, und es wird wohl niemals ein Händler seinen Fuß in diese Räume setzen.
In diesem geheimen Tempel, von deren Existenz die meisten redlichen Bürger Rommilys nicht einmal etwas ahnen, zeigt Phex denn auch sein anderes Gesicht: als der Doppelköpfige, derjenige, der zugleich Schutzgott jener ist, die sich doch spinnefeind sind, der Händler und derer, die sich an ihrem Gut bereichern, der Diebe.
So unterscheidet sich der Tempelraum gänzlich von dem auf dem Aranierberg:
Zwar ist auch dieser Raum kostbar ausgestattet, doch ist die Anlage verwinkelt, dunkle Tücher, die von der Decke hängen, verwehren einem den Überblick über die Gewölbe. Überall finden sich Nischen und verborgene Durchlässe, so daß man sich nur schwerlich sicher sein kann, wer sich außer einem an diesem Ort befindet. Die Phexstatue in der Mitte des Tempelraumes zeigt zwei Gesichter: das des lachenden und das des grimmigen Fuchses.
Die Halle der Schatten steht ein zweiter Vogtvikar vor, dessen, oder besser deren Identität in Rommilys allein Berman bekannt ist, zeigt sich die Geweihte den Gläubigen doch stets mit einer goldenen Fuchsmaske.
Hinter der mysteriösen Geweihten verbirgt sich Aldare Preminger, eine einstige Einbrecherin, die im Dienst an Phex ihre Bestimmung gefunden hat. Im bürgerlichen Leben unterhält die unauffällige, 1,62, messende, zierliche Frau mit den hellbraunen Haaren und braunen Augen eine wenig wohlbeleumundete aber gut frequentierte Schenke im Paradies, und durch ihr buntes Publikum ist sie auch stets auf dem Laufenden, was in der Stadt vorgeht. Auf eigene Raubzüge geht die 42-jährige Frau nicht mehr, doch böte sich eine reizvolle Aufgabe, Phex zu Ehren, Aldare würde kaum zögern, sich dieser zu stellen.
Zwischen den beiden hohen Repräsentanten der Phexkirche bleiben Auseinandersetzungen nicht aus, zu verschieden ist die Klientel der beiden Tempel, zu gegenläufig ihre Interessen. Und so hat Berman nicht zuletzt unter den Umtrieben der zwielichtigen Phexanhänger zu leiden, die die Kirche stets aufs neue in Mißkredit bringen. Nichtsdestotrotz würde Berman niemals seine Glaubensschwester verraten.