Der Gott Ohne Namen

Eine Quellensammlung über das, was unfaßbar ist von Michelle Schwefel

mit einem Beitrag von Ralf D. Renz

Von dem, der hinter dem Frieden lauert ...

Ruhig liegt das weite Land in der Mittagssonne. Bis zum Horizont erstrecken sich weite Felder, von schmalen, staubigen Wegen durchzogen. Korn- und Wiesenblumen bilden bunte Tupfer im satten Gelb der Ähren. Der mattblaue Himmel spannt sich sommersatt über die Felder, ein Praiosliebchen trällert sein fröhliches Lied. Träge zuckelt eine kleine Wagenkolonne durch die Hitze, der Kutscher auf dem vordersten Bock döst vor sich hin, geduldig ziehen die Ochsen über den gewohnten Pfad. Frieden liegt über dem Land, praiosgesegnet, schwer und süß wie die Sommerhitze.

Doch jähem tritt wie aus dem Nichts eine rapide Veränderung ein: Wolkenwirbel wie von Gewittern quellen am Horizont auf, ein schneidender, giftiger Lufthauch kräuselt das Meer der Ähren. Die Wagenkolonne hat angehalten, die Zugtiere bäumen sich in plötzlichem Schrecken, ihr angstvolles Schnauben zerreißt die flirrende Luft. Und auch die Menschen spüren die drohende Gefahr, wirr vor Angst rennen sie durcheinander, schreien, werfen sich zu Boden, erheben flehentlich die Hände zum Gebet.

Tief in der Erde beginnt es zu rumoren, zunächst nur für die Pflanzen und Tiere bemerkbar. Vögel schrecken hoch und fliegen in panischer Angst davon, die Ähren neigen sich vor der rohen Macht, die über sie hinwegfegt, brechen unter dem unsichtbaren Sturm.

Dann birst die Krume unter ungezügelter brutaler Kraft, ächzend bricht ein Spalt auf, eine himmelstiefe Wunde in Sumus Leib. Blutroter Lichtschein quillt widernatürlich zäh aus der Tiefe, die Erde zittert ob der zerstörerischen Kräfte, die sich in unseliger Wut ihren Weg empor bahnen, in eine Sphäre, die nicht ihr Element ist und die sie doch immer wieder zu beherrschen trachten.

Mit einem Mal bricht unheilvolle Schwärze aus dem Spalt empor, legt sich ölig-zäh über das Land. Praios’ Licht muß weichen, kein Sonnenstrahl vermag die Düsternis zu durchdringen, und mit der niederhöllischen Finsternis greift lähmende Angst nach den Herzen von Mensch und Tier. Die Schwärze umhüllt sie, drückt sie nieder, bis sie sich in unermeßlichen Qualen auf dem Boden wälzen, dem Boden, der keine Sicherheit mehr bietet, bäumt und zuckt er doch selbst, ächzend und voller Pein. Giftige Dämpfe ätzen die Lungen jener Verlorenen, die unter der Finsternis liegen, glutheiß ist die Luft, bis daß die Haut der Unglücklichen aufspringt. Schreckliche Marter peinigt die unseligen Opfer, verzweifelt bäumen sie sich gegen das Unvermeidliche. Vergebens. Ihre Stimmen suchen um Hilfe zu rufen, ein rettendes Gebet, doch die Finsternis verschlingt jeden Laut, noch ehe, daß er über die Lippen gedrungen ist. Zäh quillt die Schwärze in die Kehlen der Verlorenen, bis rasselnd die Lungen ihren Dienst aufgeben. Am ärgsten jedoch ist die Einsamkeit, das Gefühl unendlicher Verlassenheit. Kein Seelentrost, kein göttlicher Beistand. Und selbst Golgari vermag den schwarzen Schrecken nicht zu durchdringen, so daß die Seelen, diese unglücklichen Seelen, in jener Schwärze gefangen bleiben, bis sie schließlich in den tiefen Schlund hinabgezogen werden ...

(Fragment über eine Manifestation des namenlosen Gottes in der Nähe von Childachion, einer Stadt im Güldenland. Entstehungsdatum und Verfasser unbekannt, aus dem Besitz Phileasson Foggwulfs)

Vom Wesen und der Entstehung des Gottes ohne Namen

„... Während viele Legenden und Überlieferungen vom Entstehen und Wirken der Zwölfgötter künden, wissen wir von ihrem größten Widersacher, den man den Gott ohne Namen oder einfach den Namenlosen nennt, nur wenig. Oh, gewiß, in der Praiosschule wartet man mit Geschichten auf, die klipp und klar das schändliche Wesen des Namenlosen verdeutlichen und die Überlegenheit der Zwölfe über den Allbösen verkünden. Doch muß der Wahrheitsgehalt solcher, wie auch vermeintlich fundierterer Quellen bezweifelt werden. Man hüte sich davor, so einem an einer streng wissenschaftlichen Betrachtung der Dinge gelegen ist, sich durch angeblich echte Quellen täuschen zu lassen, mit denen die Kirchen, insbesondere die des Praios, aufzuwarten wissen:

Nicht wenigen Dienern der Zwölfe scheint es zu eigen zu sein, besser eine falsche Interpretation eines Sachverhaltes zu geben, als den Fragenden ohne Antwort zu lassen. Selbst manche Gläubige der Herrin der Weisheit halten es offenkundig für erträglicher, Lügen oder Halbwahrheiten in die Welt zu setzen, als zuzugeben, wie wenig sie tatsächlich wissen. Diese verräterisch eilfertig preisgegebenen „Weisheiten“ sind nicht selten das schiere Produkt der Alpträume der Geweihten oder verfälschen das Fünkchen Wahrheit, um das sie sich ranken, zu einem Moloch reinster Phantasie. Der Wissensdurstige möge seine Sinne geschärft halten, um das wenige Wahre von der Spreu der Lüge zu trennen.

Wenn man auf der Suche nach der Wahrheit um den Unaussprechlichen Gott ist, bleibt einem wenig mehr als die raren fragmentarischen Texte aus der Zeit vor Bosparans Fall und die wüsten Geschichten von Seefahrern, die sich einige Zeit im Güldenland aufhielten, eingehend zu untersuchen, und darauf zu hoffen, daß die Herrin der Weisheit einen lenke. Unstrittig muß einem jeden Forscher sein, daß angesichts der unsicheren Quellenlage, man wohl immer im Zweifel bleiben wird, ob und inwieweit die hier angeführten Darstellungen der Wahrheit entsprechen.“

Unter der zerbrechlichen Schale von Sumus Leib, hinter der hauchdünnen Barriere zwischen dieser Sphäre und der nächsten, lauert eine ungeahnte Kraft, eine fremde Macht, die sich in verzweifelter Wut gegen ihre Fesseln wirft. Fremdartig ist sie und wild zugleich und von solcher abscheulichen Verderbtheit, daß das Gras welkt und die Tiere verenden, wenn sie sich ihrer nur nähern. Nur die Sinne der Unsterblichen erahnen den kosmischen Zorn, der sich wie in einem Schlummer gefangen gegen das schwache Hindernis des Firmaments lehnt. Wehe, wenn er erwacht! Wehe den schwachen sterblichen Wesen!“

Aus dem Tractatus betreffend den Gott ohne Namen, von Magistra Islaina daSalva aus Perricum, geschrieben im Jahre 3 Reto

”Was aber ist „Gut” und was ist „Böse“? Nun, auf diese ebenso einfach scheinende wie schwierige Frage hat jede Weltanschauung ihre ganz eigene Antwort.

Für die Anhänger der Zwölfgötter liegt die Antwort leuchtend klar, gleich dem Antlitz ihres Götterfürsten auf der Hand: Alles das, was Praios, Efferd, Travia, Hesinde und die anderen tun, ist „gut“! Die Handlungen der Götter werden bestimmt von Reinheit, Wahrheit und nicht zuletzt von der Sorge um die Ihnen anvertrauten Lebewesen. Zwar mögen sich die verschiedenen göttlichen Kräfte manchmal entgegenstehen und von ihren Geweihten verlangen, Dinge zu tun, die einem anderen Kult schaden; es mögen auch Meinungsverschiedenheiten darüber bestehen, welcher Kult der wichtigste und „richtigste“ ist - aber im Grundsatz herrscht Einigkeit darüber, daß das Streben der Zwölfe und die Götter an sich „gut“ sind.

Und auch über das, was „böse“ ist, ist man sich weitestgehend einig: Es ist die Sphäre der Dämonen und all dessen, was widernatürlich und nicht derisch ist, und als ihr Herrscher oder ihr finsterster Bewohner gilt eine unbekannte göttliche Kraft: der Gott ohne Namen, für den Menschen Inbegriff dessen, was destruktiv, chaotisch und schädlich ist. So unendlich boshaft ist diese Wesenheit, daß niemand es wagt, ihren Namen zu nennen, ja, so weit geht gar die Furcht vor der Macht des Unaussprechlichen, daß sein Name vergessen wurde über die Generationen, daß niemand mehr vermag, ihn zu rufen. Im Gott ohne Namen vereinen sich die Bosheit der Dämonen und die höchste Zerstörungskraft zügelloser Magie.“

(Aus den Vorlesungen des Firdanyo von Kuslik, einem umstrittenen, der Ketzerei beschuldigten Lehrer, 324 n. BF, übertragen von Iltar von Gareth, Hochinquisitor der Heiligen Inquisition, Geheimbibliothek Seiner Hochgeboren Baron Nemrod)

„... Finstere Bücher und hinter vorgehaltener Hand erzählte Legenden berichten, daß die Kraft, die wir heute den Namenlosen nennen, aus dem ersten Blutstropfen entstanden sei, der aus Los’ Wunden auf Sumus Körper tropfte. Dieser Tropfen war noch ganz mit der Wut des Kampfes und dem beiderseitigen Haß erfüllt und dieser Haß habe sich auf alle von Los durch Sumu erschaffenen Kreaturen (und so auch die anderen Zwölf) übertragen. Am Ärgsten aber wütet diese dunkle Kraft in jener erstgeschaffenen Wesenheit.

(Aus den „Chroniken von Ilaris“, den wichtigsten Schriften einer ketzerischen Hesindesekte, die vor etwa 200 Jahren ihr Unwesen in der Gegend von Zorgan trieb)

„Sein Treiben allein ist aber Haß und Verderbtheit, und nimmermehr kann Gutes erwachsen aus dem, was er ersinnt. Kein Bund, der mit ihm geschlossen, kann das Gedeihliche hervorbringen, und wie sehr er auch seinen Anhängern schmeicheln mag und was er ihnen auch verspricht, es ist am Ende doch nur das Inferno, das seinen Taten folgen kann. Das und ewige Verdammnis für alle, die sich ihm zugewandt, in ihrer Eitelkeit und blinden Gier nach Macht.“

„Sein Trachten aber ist es, sich eines Tages wider die Zwölfe, die ihn in Fesseln geschlagen und besiegt haben, zu erheben und sie mit seiner daimonischen Macht zu schlagen und hinfortzuschleudern, wie sie ihn einstens aus seinem Reich vertrieben haben. Dann aber beherrscht erneut die Dunkelheit die Welt und nichts und niemand kann uns mehr retten, wenn es dem Namenlosen und seinen Dienern eines Tages gelingen sollte, Praios Antlitz vom Himmel zu vertreiben und Phexens Sternenmantel zu verhüllen.“

„Sein Wesen ist Wahnsinn, Chaos, Zerstörung. Er bringt Verderben und kennt auch nichts anderes. Er verschlingt alle, derer er habhaft werden kann, seien sie aufrecht Gläubige oder Frevler in seinem Namen. Seine Verheißung ist nicht das Paradies, sondern ein schreckliches Martyrium, er verzehrt die Seelen, verschlingt die Leiber und da ist nichts, außer Äonen voller Qual, ohne Aussicht auf Rettung.“

(alle drei Lehrschrift aus dem Hesindetempel zu Kuslik)

„Dareinstens, als die Zwölfe die ketzerischen und frevlerischen Menschen im Westen ob ihrer Untaten, ihrer Zügellosigkeit und ihrer Sünden mit schweren Strafen belegten, da weigerten sich diese, ihre gerechte Buße zu üben, sondern sie wandten sich ab von denen, die doch ihre Hüter waren, und verleugneten sie. Wie ein trotziges Kind die Hand gegen die strafende Mutter erhebt, die doch auch nur das Beste will für ihren Schützling, stießen sie die Altäre der Zwölfe um und machten sich vier Götzenbilder nach ihrem Geschmack: Zügellosigkeit, Gier, List und Haß.

Sie schufen ihnen güldene Abbilder und huldigten diesen falschen Idolen mit solcher Inbrunst, daß diese falschen Götter sich ob der ihnen zuströmenden Kraft manifestieren konnten. Das Wesen der Götzen aber begründete sich auf dem falschen Wesen ihrer Jünger, nicht das Gute, sondern das Böse im Menschen hatte sie erschaffen. Und deshalb war es Böses, das aus dem Wirken der Götzen erwuchs.

Wohl jubelten die Menschen ihren Abgöttern zu, denn zunächst wandte sich deren Boshaftigkeit gegen jene, die nicht dem Irrglauben folgten. Doch als kein Volk auf dem Westeiland mehr dem wahren Glauben folgte, da wandte sich die Grausamkeit der Vier gegen die eigenen Anhänger, bis auch diese niedergeworfen waren. Als dies getan war und viele, viele in ihrem Blute lagen, zerschmettert von der unendlichen Gewalt der falschen Götter, da langweilten sich die vier. Da erinnerten sie sich jener, die vor ihnen da gewesen waren, und sie beschlossen diese herauszufordern. Doch vermochten sie die Unsterblichen nicht zu bezwingen, denn es herrschte Uneinigkeit unter ihnen, so daß sie gegen den Bund der Zwölf nicht anzukommen vermochten.

Da kam der List eine Idee. Nie würde sie ihre Brüder und Schwestern zu einem Bund bewegen können, auch vermochte sie sie nicht unter ihre Herrschaft zu zwingen, denn allein schon der Haß war dreimal stärker als sie. So erinnerte sie sich dessen man sie rühmte. Es gelang ihr, ihre Geschwister durch schlaue Rede gegeneinander aufzubringen, so daß der Haß die Zügellosigkeit erschlug. Die Gier, die erkannte, daß der siegreiche Bruder die Kraft der Zügellosigkeit gewann, warf sich auf ihn und griff ihn mit solcher Leidenschaft und Wut an, daß der Haß strauchelte. Eng ineinander verkrallt, merkten die beiden nicht, wie die List sie mit einem Bann belegte und in ein magisches Netz schlug, aus dem es kein Entrinnen gab. Die List erschlug den Haß und die Gier und labte sich an ihrer Kraft. Doch war die unfaßbare Grausamkeit, die sich ergab, nun da all das Böse der vier Geschwister in einem Astralleib vereint war, mehr als die List tragen konnte. Wahnsinn gesellte sich zu dem Üblen, was da vorher schon war. Und ES vergaß, daß ES List, Haß, Zügellosigkeit und Gier gewesen war und wurde zu einem, dem Allbösen. Und Wahnsinn ist es, der das Allböse beherrscht. Nun aber, da sich die unheilvollen Kräfte der vier Geschwister vereint hatten, erhob sich das monströse, irrsinnige Götzenwesen, sich wider die Zwölfe zu stellen ...

(Aus den Vorlesungen des Firdanyo von Kuslik, einem umstrittenen, der Ketzerei beschuldigten Lehrer, 324 n. BF, übertragen von Iltar von Gareth, Hochinquisitor der Heiligen Inquisition, Geheimbibliothek Seiner Hochwohlgeboren Graf Nemrod)

„Der Namenlose ist einer von drei Götzen, die einst im Fernen Westen verehrt wurden. Er erschlug seine Mitbrüder, um die Macht über ihre Verehrer an sich zu reißen. Seine Geweihten brachten in seinem Namen Angst und Schrecken über die Menschen, bis die Zwölfe ihn im Krieg der Götter schlugen und ihn aus dieser Sphäre verbannten. Die Zwölf tilgten seinen Namen, auf daß er nie wieder in diese Welt beschworen werden kann.“

(Anonymus, Bibliothek des Hesindetempels zu Kuslik, übertragen von Eledana von Ilmenstein, 789 n.BF)

„Der Namenlose ist nichts als das Böse an sich, der Verderber, der Versucher, der die reinen Seelen der Menschen an sich zu reißen sucht, sich und seine daimonische Brut davon zu nähren. Voller Verschlagenheit und List ist sein Wesen, er haßt wenig mehr als den offenen, ehrlichen Kampf, seine Waffen sind nicht Schwert noch Lanze, sondern Heimtücke, Verstohlenheit, Gift und Verrat.

Die aber, die an Geist und Glauben schwach sind, versucht er mit Versprechungen von Macht und Reichtum. Wehe aber jenen, die ihm folgen, denn sie geben ihre Seele um eitlen Tand und leere Worte.“

(Aus „Almanach der Zwölfgöttlichen Unterweisung“)

„Als aber die Götter den Allbösen niederwarfen, da nahmen sie ihm nicht allein sein Namen, sondern auch sein Gesicht. Denn es war vor allem seine süße, gifttriefende Zunge, die den Menschen Versprechungen machte, und sein liebreizendes, verlogenes Antlitz, mit de, er die Menschen auf seine Seite zu ziehen vermochte.“

(Anonymus, wahrscheinlich aus dem Jahr 17 n BF, Stadt des Lichtes zu Gareth)

„Und es waren drei Götzen, die einst im Fernen Westen verehrt wurden, Götzen voller Grausamkeit und blinder Wut, von abscheulichem Wesen und übler Niedertracht, einer jeden Kreatur feindselig gesonnen und voller Boshaftigkeit. Diese drei streiften über das Land, peinigten Mensch und Tier in ihrer Bösartigkeit, blendeten sie mit falschen Wundern und versprachen ihnen unheilige Macht, wenn sie nur zu ihnen beten wollten. In ihrer Not, den Martern durch die drei falschen Götter zu entgehen, fielen die Menschen vor ihnen auf die Knie, in der Hoffnung, der eine möge sie vor seinen göttlichen Geschwistern behüten, wenn sie ihm nur willfährig zu Diensten waren. Doch die Götzen verlachten ihre Diener und trieben ihr böses Spiel um so ärger. Einen unter den Dreien jedoch überkamen nach Äonen Zweifel, hatte er sich doch in einer Sterbliche verliebt, und die Pein, die sie erdulden mußte, dauerte ihn sehr. Und als einer seiner Brüder Hand an seine Erwählte legen wollte, da schlug er ihn mit göttlicher Kraft nieder, daß der Angreifer winselnd von dannen ziehen mußte. Als dies aber die Menschen sahen, da wandten sie sich dem Gott zu, in der Hoffnung, sie könnten gleich dem Mädchen seine Güte wecken. Und ihre Herzen schwangen ihm entgegen und der Gott verspürte, wie ihn große Macht durchströmte, aus der bangenden Hingabe der Menschen. Und er gewann an Kraft und wuchs über seine Brüder. Er fand Gefallen am Treiben der Menschen und an ihrer Liebe und schützte sie fürderhin vor den Heimsuchungen seiner Geschwister. Die aber neideten ihm seine Macht und schmiedeten einen finsteren Plan, ihren Bruder ins Verderben zu stürzen. Es gelang ihnen, ihn in eine Falle zu locken und ihn mit vereinter Kraft zu erschlagen.

Als aber das letzte Blut des sterbenden Gottes verflossen war, da erhoben sich Zweifel in der Brust des einen, der der verderbteste unter ihnen gewesen war, sein Bruder könnte es seinem toten Mitbruder gleichtun und große Macht über die Gläubigen an sich reißen, denn er wußte wohl, daß die Menschen ihn am meisten haßten. Und er wartete einen günstigen Moment ab und erschlug seinen arglosen Bruder, daß dieser reglos über die Leiche des von ihnen Getöteten sank. Und nunmehr war der dunkelste unter ihnen allein, und niemand konnte an seiner Allmacht rütteln. Und fürderhin herrschte er über seine Sphäre, mit irrwitzigem Schrecken, blindem Haß und lodernden Zorn und nur die Verderbtesten unter dem Menschengeschlecht vermochten sein kaltes Herz zu rühren und ihnen gab er große Macht, daß sie sein Verderben unter die Menschheit trugen.

Als aber die Zwölfe das Wehklagen der Sterblichen vernahmen, da wandten sie sich in ihrem Zorne geeint gegen den bösen Götzen und warfen ihn nieder mit ihrer göttlichen Macht, schlugen ihn in Fesseln und verbannten ihn an den Rand der Zeit, in die Sphäre der Dämonen, und diese Epoche ist unter dem Namen „Krieg der Götter“ bekannt. Die Zwölfe aber tilgten seinen Namen, auf daß er nie mehr in diese Welt zurück beschworen werden kann.“

(Frühbosparanische Quelle, Autor unbekannt, Hesindetempel zu Kuslik)

„... daß aber der All-Eine, der Zwiegesichtige, der dunkle Vater, als er sich dem Ansturm der jungen Götzen beugen mußte, verraten von seinen eigenen Kindern, aus Wut über seine Niederlage seinen Namen verschlang, auf daß weder die Zwölfgötzen länger Macht über ihn gewinnen konnten, noch daß jene, die ihn so sträflich verrieten, ihn je wieder um Beistand anzurufen vermochten. Und er tilgte zugleich sein Antlitz, daß die Frevler ihn nicht länger erkennen konnten und verhüllte seine Züge. Und nur einigen wenigen Getreuen offenbarte er sich daraufhin in all seiner Macht, und er forderte von ihnen Opfer ihrer Treue, die sie bereitwillig gaben, denn seine Macht ist allgewaltig und allumfassend, und er ist Liebe und Haß, Milde und Rache, Licht und Schatten.“

(Fragment, aus den Chroniken des Brajantempels zu Balan-Kantara, Bibliothek des Sephirim Isyahadan Laescadir, nunmehr im Besitz des Praiostempels zu Warunk)

„Es steht geschrieben daß an jenem Tage, da der Stein, in den wir unseren Glauben an IHN gemeißelt haben, das Gold, das wir zu SEINEM Abbild geformt haben, uns SEIN Antlitz offenbart, SEINE Zeit herangebrochen ist!“

(Aus dem Credo des Dunklen Zirkels, Bibliothek des Sephirim Isyahadan Laescadir, nunmehr im Besitz des Praiostempels zu Warunk)

(...) Wehe aber, wenn eines Tages das geschieht, was in den dunkelsten Offenbarungen der Ilmanthea geschrieben steht, wenn nämlich das Antlitz des Verderbten offenbar wird. Dann ist der verfluchte, der verhaßte Tag nicht fern, wo seine Jünger seinen Namen voller Hohn und Haß ausrufen werden, 13 mal, und der Klang seines schrecklichen Namens wird die Wurzeln dieser Sphäre erbeben lassen, und er wird dringen bis in die nächsten Sphären, ja bis an die Mauern von Alveran. Und er wird selbst vor diesem göttlichen Monument nicht haltmachen. Dann aber ist der Tag für den großen, den letzten Kampf gekommen, an dem die Götter geeint ins Feld ziehen, gegen den Einen, ihren allbösen Widersacher. Und danach gibt es nur eines, den Sieg oder aber das Ende der Welt (...)

(Lehrschrift aus dem Hesindetempel zu Kuslik)

„... Ihr seht, es ist ein schwieriges Unterfangen, die Wahrheit über den Gott Ohne Namen herauszufinden. Wir bevorzugen jedoch die Version, wie man sie allüberall an den Praiosschulen lehrt, denn sie allein erklärt die unumstrittene Macht dieses Gottes, die sogar an die gesammelte Macht der Zwölf heranreichen soll.“

(Schriften der Praiowynne Al’Yeshar, Hochgeweihte des Götterfürsten im Jahre 2 Hal)

Als die zwölf Götter zum Leben erwachten, begannen sie, das Reich zu erforschen, über das sie herrschen sollten. Sie bewanderten das feste Land Deres, erkundeten die zweite Sphäre und stießen dort auf die Elementarherren. Ingerimm machte sich Feuer und Erz untertan, Firun das Eis, Peraine den Humus und Efferd Wind und Wasser. Nur über den Elementarherren der Kraft vermochte keiner der Zwölfe zu triumphieren. Er widerstand den Zwölfen und wies sie stolz zurück. Dies erzürnte die Götter sehr und Praios schwor der Kraft Rache. Mit seinen Alveraniaren belagerte er die Feste des Elementarherren. Ihn störte besonders, daß andere Götter die Elemente bezwungen hatten und er leer ausgegangen war.

Hesinde indes hatte eine mutige Tochter namens Mada, die das Wissen ihrer Mutter und die Schläue ihres Onkels Phex in sich vereinte. Eines Nachts schlich sie sich in die Feste und zerstörte den Kristall der Kraft, den Fokus der Macht des Elementarherren. Die schützenden Bannzauber fielen und die Alveraniare stürmten in die Feste. Bald stand Praios über dem besiegten Elementarherren. Doch sein Sieg war getrübt. Ohne den Kristall konnte er über die Kraft nicht herrschen. Mada aber hatte die Kenntnisse der Kraft schon ihren sterblichen Freunden gebracht. Darob war Praios sehr erzürnt und befahl Phex, die ungehorsame Mada an ein einsames Licht am nächtlichen Himmel zu binden.

Den Elementarherren der Kraft erwartete hingegen ein viel schrecklicheres Schicksal. Die Zwölfe raubten ihm seinen Namen, zerstörten und zerstreuten ihn in alle Winde. Denn sie fürchteten die Rache des mächtigsten Elementarherren. Namenlos wurde der er verstoßen und namenlos blieb er. Als der Namenlose gewann er einen neuen Namen, schuf sich unter den Sterblichen eine Schar von Anhängern und verband sich mit den Dämonen, um gegen die Zwölfe zu kämpfen. So endete das Goldene Zeitalter und ein finsteres begann. Es heißt, daß der Name des Elementarherren nicht ganz verloren ist. Mada, die als einziges göttliches Kind einen Blick in den Kristall der Kraft hatte werfen können, soll ihn auf eine Tafel geschrieben und diese zerbrochen haben, die Brüchstücke aber hat sie an sicheren Orten versteckt. Doch ist das Wissen darum geheim. Niemand soll davon wissen und niemand weiß, wo Mada den Namen verborgen hat.

(Aus einer geodischen Überlieferung, jüngst in der Bibliothek des Konzils der Elemente gefunden)

„Es gibt solche, vornehmlich unter den unbelehrbarsten und fanatischsten Anhängern des zwölfgöttlichen Irrglaubens, die behaupten, hinter der Maske des jungen Gottes Rastullah verberge sich in Wahrheit derjenige, den sie den Namenlosen nennen. Sie gehen so weit, gar den Überfall der Truppen Al'Anfas als göttergerechten Schwertzug zu bezeichnen. Andere behaupten, die Götter der Mohas, Nivesen und anderer Völker, die nicht von den Kantarern abstammen, seien seine Diener, und es gelte sie mit Feuer und Schwert zu bekämpfen. Wir lernen daraus nur eines, daß ihnen nämlich alles, das anders ist als sie, zutiefst suspekt ist. Wie überraschend und erschreckend zugleich muß es für einen überzeugten Anhänger der Zwölfe klingen, daß manche Kulturen ebensowenig von der heilvollen Macht der Zwölfe wissen, wie von einem allbösen Verderber, geschweige denn in der Gestalt des Namenlosen, und sie existieren doch, ohne dem Bösen anheim gefallen zu sein.“

(Aus einer Vorlesung des Philosophen Daitano Agilian an der Universitas von Al’Anfa, vor kurzem als Ketzer im Mittelreich verhaftet und zum Feuertode verurteilt)

„Es gibt unbestreitbare Evidenzien, daß der Namenlose in Wirklichkeit nichts anderes ist als der, den man den Dämonensultan oder auch Fürsten der Finsternis nennt. Wie sonst wäre seine enge Verquickung mit dem Reich dieser Unkreaturen, dieser schauderhaften Entitäten zu erklären? Wie seine große Macht über sie, daß er über sie gebieten kann, wie der Schäfer über seinen Hund?“

(Tarkon Illumin von Vallusa, Bannstrahlritter, der sein Leben der Erforschung und Bekämpfung des dunklen Kultes gewidmet hat, in einem Vortrag an seine Knappen)

„So machte der, dessen Namen sie vor uns verbargen, alles auf dem großen continent und er schuf allerlei Gepflanz und Getier, füllte die Ströme mit Wasser und türmte mit Stein die Berge. Denn die Welt ward aufgeteilt in den continent und ein großes Eiland, welches da lag, wo das Meer die Sonne verschlucket. Und die ersten Geschöpfe blickten zu ihm auf, denn er hatte alles gut gemacht, und er herrschte voller Lust über sie. Andere Geister aber, die jünger waren als er und von demselben Stoffe, die im Himmel sich versammelten, blickten voll Neid auf die blühenden Lande des continents und bald begab es sich, daß sie auch dort umherstreiften und die Geschöpfe ermahnten, sie anzubeten. Damit aber zerbrachen Harmonie und Ordnung und es ward aufgehoben die Teilung der Welt, und mit ihr die Harmonie und der Friede. Denn wisse, die göttlichen Geschwister, selbst noch Kinder, äugten voller Neid und Mißgunst zum anderen und fürchteten um ihre Pfründe. Und bald brach offener Hader aus unter den Göttern, er, dessen Namen man auf dem Eilande nicht nennen darf, der Beherrscher der Meere, und andere auf der einen, der Gott des Lichtes als der Zweitälteste und seine Getreuen auf der anderen Seite. Der Kampf war schwer und lange unentschieden, doch eines Tages verführte einer aus der Gruppe des Lichtgottes mit List und Diebstahl die Mitstreiter des älteren Gottes, und sie erhoben sich wider ihn. Auch die Geschöpfe der Flure und Wälder verrieten nun ihren Herrn. Da packte den Mächtigen ein großer Zorn, der sich um sein Gemüt legte wie eine schwarze Wolke und er verfluchte die Welt. Er erschuf sich eigene Geschöpfe voller Arglist und Macht, die wir als die Shaana`Tain, die Archidaimonen kennen und noch etliche mehr. Mit ihnen zog er in die Schlacht, aber es waren zu viele wider ihn. Da die jungen Götter ihn nicht töten konnten, vertrieben sie ihn nach schrecklichem Kampfe voll Blitz und Donnerwerk von dem Eiland und von der Welt. Fürderhin verboten sie den Geschöpfen seinen Namen zu nennen, denn sie wollten alles Denken an ihn auslöschen und selber regieren die Berge und Ströme. Auf dem continent aber blieb die Erinnerung an ihn wach und dort verehrt man ihn weiter als „Ruchhoi ai Barnak“, was nicht sein Name ist aber bedeutet: „Der mit den zwei Gesichtern“. Denn immer noch weiß man von der großen Güte des Gottes und deshalb tragen alle seine Statuen ein lächelndes Gesicht. Aber ein schrecklich verzerrtes Antlitz bedecket die Rückseite seiner Bilder; damit erinnert man an seine Wut über den Verrat, welche bis in den Irrsinn reicht und ihn die grausamen Shaana `Tain erschaffen ließ, welche sich vermehrten wie Krankheiten in den Gassen der Städte. Und der getrübte Sinn des Gottes schwankt zwischen diesen beiden Gesichtern, so furchtbar im Zorn, so milde in seiner Güte. Sein Streben aber gilt, den Verrat nicht vergessend, der Rache an seinen hinterlistigen Geschwistern, ihrer Schwächung und ihrem Untergang.“

(Aus den Rollen der Thele A‘Saar, Schriftrolle alt-güldenländischen Ursprungs, Übersetzer unbekannt, Bibliothek des Sephirim Isyahadan Laescadir, zunächst Praiostempel zu Warunk, vor einigen Monden jedoch von Unbekannten gestohlen)

Von den Namenlosen Tagen

„360 Tage zählt das Jahr des Göttergefälligen, ein jeder Mond hat 30 Tage und Nächte, den Zwölfen zum Wohlgefallen, Sinnbild immerwährender Harmonie zwischen den göttliche Geschwistern. Doch der Verderbte, das Allböse, der Verruchte war es, der kraft seines Willens einen weiteren Mond in Satinavs Gefüge zu zwängen trachtete, ihm zum Gefallen, den Menschen aber zum Verderben.

Das aber bemerkten die Zwölfe, und sie stemmten sich mit all ihrer Macht gegen das böse Treiben ihres dunklen Widersachers. Doch vermochte der Dunkle sie für einen Augenblick zu schwächen und in diesem Moment erschuf er 5 Tage und verankerte sie im Gefüge der Welten, und seitdem kennen wir die widernatürlichen Namenlosen Tage, die den Göttern verboten und an denen sie schwach sind, und an denen sich der Allböse erhebt, seine Macht mit der der Zwölfe zu messen. Und kein Zwölfgöttergefälliger darf diese Tage zu keinem anderen nutzen denn dem Gebet, will er nicht sein eigenes Seelenheil aufs Spiel setzen, denn groß ist die Macht des Namenlosen in dieser Zeit, und allein der aufrechte Glaube vermag den Menschen vor dem Verderben zu retten.“

(Almanach der Zwölfgöttlichen Unterweisung, Ausgabe für die Unterweisung von Praiosnovizen)

„So war es denn, daß durch die Hinterlist und Verschlagenheit des verfluchten Gottes ein Riß entstand im wohlgefügten Lauf der Zeit und dort, wo eigentlich das neue Jahr beginnen sollte, ein Spalt aufklaffte, so tief und unergründlich, daß kein menschliches Auge den Grund zu sehen vermochte. Die guten Götter aber ahnten nichts von diesem Unheil, hatte der Verderbte doch ein Trugbild gewoben, sie zu täuschen. Und Angst und Schrecken herrschten auf Sumus Leib, und die Menschen zitterten und fürchteten sich, daß nimmermehr ein Neujahr sollt beginnen und daß der dunkle Spalt sie sollt verschlingen, auf daß sie gefangen sind im Bann des verfluchten Gottes. Düster wars, kein Licht erhellte den Himmel und Dämonenhorden zogen lachend über das Land. Da erhob sich ein Flehen und Klagen gen Himmel: Schwach war die Stimme des Einzelnen, doch zusammen waren sie von solcher Kraft, daß sie konnten erreichen die Sphäre der Göttlichen dort droben.

Da fiel das Blendwerk des Namenlosen in sich zusammen, die Zwölfe sahen nun wie es stand. Schon eilten sie herbei in goldenem Gepränge und Rondras Donnern klang über das Land. Des Praios Zorn war ihm Schild und Klinge, Efferd, Ingerimm und Hesinde folgten gleich auf. Auch Boron sah man, Tsa, Peraine und Travia, Firun, Phex und Rahja eilten hinzu. Den Frevel des Namenlosen galt‘s zu sühnen, groß war ihr Zorn und groß war ihre Macht. Eine Ewigkeit wollt dauern wohl das Ringen. Fünf Tage warteten die Menschen in ihrer Angst. Blitze leuchteten und Donnerschlag folgte darauf. Fremdartiges Licht erhellte den dunklen Himmel und ein Brausen gab‘s, wie man‘s nie zuvor gehört. Die Menschen aber ließen nicht nach zu beten, den Schutz der Zwölfe zu erflehen. Und plötzlich war ein Leuchten dort gen Rahja, ein winz‘ger Lichtstrahl brach von dort hervor, wurde stärker, breitete sich über das Land. Bald erglühte der Horizont im goldenen Licht des neuen Tages. Ein Jubel erhob sich alsbald unter den Menschen, die Freudentränen rannen ihnen über die Gesichter, sie jubelten und priesen ihre Götter, die nicht vergessen hatten ihre treuen Seelen.

Der Dunkle aber mußte nun entfliehen, in Schlaf zwangen ihn die göttlichen Geschwister. Doch blieb der Sieg der Götter nicht ohne Tränen, denn eines war gefügt für alle Zeit: Fünf Tage sollte es fürderhin geben, dem namenlosen Gott geweiht. In dieser Spanne erhebt er sich aus seinem Schlaf, Unheil zu bringen über Stadt und Land. Frei streifen dann die wilden Kreaturen und Angst und Schrecken suchen uns heim. Das ist die Zeit, in der die Götter sich dann neuerlich messen, auf daß erneut entschieden werde, wer herrschen soll auf Sumus schönem Leib. Eine ewige Schlacht ist dies, drum laßt uns beten, daß immerfort der Triumph den Zwölfen gehört.

Viel Macht gehört dem Dunklen in diesen Zeiten, sein Zorn gesammelt übers Jahr, er gibt ihm Kraft. Kein Mensch alleine kann ihm widerstehen, der Götter Hilfe bedarf es, will er bestehen. Drum hüte dich nun, da die Zeit gekommen ist, der Namenlose ist auf Seelenfang. Nur eines, Mensch, so höre, kann dich retten: Bleib auf dem Pfad der Zwölfe immerdar.“

(aus einer Lehrschrift des Praiostempels zu Greifenfurt, überliefert aus alten Quellen)

„Als aber die grausamen zwölf Geschwister den EINEN packten und in Fesseln zu schlagen trachteten, da klammerte dieser sich mit letzter Kraft an Satinavs Hörner, der Verbannung in den Sphärenriß zu entgehen. Und der Daimon warf erschrocken sein mächtiges Haupt auf und für einen Augenblick geriet ihm der Faden der Zeit durcheinander. ER aber in seiner Verzweiflung packte den Faden und zerriß ihn voller Zorn. Die beiden losen Enden der Zeit aber waren nunmehr nur durch SEINE Hände verbunden. Und Satinav, der sah, daß es in SEINER Hand lag, den Lauf der Welt zu unterbrechen, er handelte klug und formte aus einem Teil von IHM einen neuen Faden, die Enden miteinander zu verschmelzen. So aber wurde ER Teil der Zeit und IHM gehört ein Stück davon. Und einmal in jedem Zwölfmond kommt SEINE Zeit, erfüllt von SEINER Kraft.“

(Aus den Chroniken von Ilaris)

Von den Verbündeten und Dienern des Namenlosen Gottes

„Neben all den Menschen, die IHM folgen und die SEINE Armee darstellen, sind es vor allem jene, denen ER das Leben schenkte, die IHM freudig zur Seite stehen, SEINE Lehren zu verbreiten und die Welt für SEIN neuerliches Kommen zu bereiten. In ihrem Zorn über alles Unrecht, das man IHM angetan hat, sind sie fürchterlich in ihrem Rasen, sie zerschmettern einen jeden, der sich IHM entgegenstellt. Sie bereiten den Acker für eine neue Weltordnung. Gelobet sei der Tag, an dem es gelingt, die Barriere zwischen ihrer Sphäre und dieser endgültig zu durchdringen. Gelobet sei dieser Tag, da sie frei und ungezügelt unter uns wandeln werden, und die, die treu zu ihm stehen, von denen zu scheiden wissen, die ihn hassen. Dann aber ist der Tag SEINES Kommens nah!“

(Aus dem Credo der dunklen Gemeinschaft, Bibliothek des Sephirim Isyahadin Laescadir, gestohlen von einem Söldling, als die Burg geschleift wurde)

„Eine Armee von Dämonen ist’s, die ihm, dem Dämonensultan, voranprescht, wenn er eines Tages sein Schwert erheben wird, diese Welt ins endgültige Verderben zu stoßen“

(Aus den Schriften einer Weltuntergangssekte)

„Kein derisch Tier noch anderes Wesen aber vermöchte das verderbte Wesen des Namenlosen wiederzugeben, noch hat man einen Namen, ihn zu benennen, ein Sigil oder sonstwedes Symbol. Wohl aber kennt man von den Schriften der dunklen Magi das Zeichen, das sie ihm, dem Allbösen, zuordnen.

Seine Farben aber sind das Schwarz und das Purpur, welches die Farben der daimonischen Sphären sind und jedem zwölfgöttergefälligen verboten. Und nimmer soll ein aufrechter Gläubiger in Schwarz und Purpur sich kleiden, und tut er es doch, so muß man sich sicher sein, daß er dem Götzen ohne Namen dient.“

(Schriften der Praiowynne Al’Yeshar, Hochgeweihte des Götterfürsten im Jahre 2 Hal)

„Einem jeden Tag des Götterlaufes aber sei ein Daimon zum Patrone bestellt, die Bemühungen der wahrhaft Gläubigen unter ihren Schutz zu stellen und sie nach Kräften zu unterstützen.

Die mächtigsten unter ihnen aber regieren die Tage des Herrn und ihre Namen lauten Isyaharin, Aphestadil, Rahastes, Madaraestra und Shihayazad“

(altbosparanische Quelle, Bibliothek des Sephirim Isyahadan

„Eine ist unter ihnen, die man Pardona nennt, die nicht wahrhaftig ist von dieser Welt. Ihr Leib ist nicht aus sterblichem Fleische gemacht und sie gebietet über unheilige Macht, verbarg sich eine andere Gestalt zu geben und über den Willen der Menschen und anderer Wesen zu gebieten. Oft zeigt sie sich voller Liebreiz, betörend und sinnestoll, und vermag so die Herzen der Menschen zu rühren und sich gefügig zu machen. Selbst vor Dienern des Güldenen hegt sie keine Achtung und stürzt sie ebenso ins Verderben, als wären sie ungläubighe Ketzer. Doch einem jeden, der sich mit diesem Weibe einläßt, sei es aus freien Stücken oder ob ihrer finsteren Hexenkunst, fällt dem Verderben anheim, denn Verderben ist es, daß die Dämonenbuhle sät.“

(Anonymus, Swafnirtempel zu Olport)

Man sagt, viele Hexen gehörten zu seinen Buhlen, denn er schenkt ihnen Macht und die Kraft, ihre Nächsten zu verderben und sich selbst Vorteile zu verschaffen. Das aber geschieht, indem er sich die Gestalt eines dunklen, geflügelten Mannes gibt und ihnen auf verderbteste Art und Weise beiwohnt. Und es geschieht gar, daß er eine von ihnen mit seinem unheiligen Samen befleckte, auf daß die Brut, die dieser Sünde entspringt, zu einem seiner verschworenen Diener werde. Zwar heißt es, daß es solche unter den Hexen gibt, die diese Mesalliance verabscheuen und die dem Verderbten nicht verfallen sind. Doch gibt es verläßliche Kunde, die davon zu berichten weiß, daß nicht einer ihrer geheimen Zirkel frei wäre von seinen Einflüsterungen. Und so gilt es dem Hexenunwesen mit der gleichen Unerbittlichkeit entgegenzutreten wie den anderen Dienern des Alldunklen Götzen und sie nach bestem Wissen der reinigenden Kraft des Feuers auszusetzen, auf daß ihr böses Spiel ein Ende habe.

(Inquisitorische Streitschrift aus dem Greifenfurtschen, etwa 400 v. Hal)

„Gegen den einen aber, den die Kleingläubigen in ihrer Einfalt den Dämonenmeister nennen, hegt ER einen wilden und unstillbaren Zorn. Denn dieser Wurm wagt sich in Sphären, die allein IHM gehören und wagt es IHN in seiner Hoffart zu verhöhnen. Pardona aber, in ihrem Hochmut sich anzumaßen, sie wisse was ER begehre, zu glauben, in SEINEM Sinne gehandelt zu haben, als sie sich diesem Elenden angedungen hat wie eine billige Hure, sie wird ihre Tat noch bitter bereuen. Denn SEINE Strafe wird sie verzehren für die Schmach, die sie IHM bereitet und für ihre Untreue gegen SEINEN Willen. Denn SEIN Wille ist das Gesetz, dem wir folgen.“

„ER wird sich dieser kleingläubigen Einfaltspinsel, dieser winselnden, kriechenden Elendskreaturen bedienen, sich dieses Ärgernisses, daß die Ungläubigen mit dem Namen Borbarad betiteln, zu entledigen. Und diese Leichtgläubigen, in ihrer sabbernden Anbetung ihrer nichtswürdigen, ignoranten Götter, werden nicht einmal ahnen, wer ihnen beigestanden hat. Sollen sie getrost ihre albernen Götzen, die sich keinen Deut um die krabbelnden Massen ihrer Diener scheren, denen ihr kleingeistiges Gezänk wichtiger ist als das Leid ihrer Jünger, sollen sie diese für ihren Beistand preisen. Eines Tages wird ihnen die Wahrheit offenbart werden!“

(Beides aus einem Brief eines Dieners des Namenlosen an einen eingeweihten Freund, durch Zufall in die Hände des Verfassers dieses Tractates gefallen)

Der Kult des Namenlosen und seine Geweihten

„Der Kult des Namenlosen wurde zweifelsohne mit den güldenländischen Siedlern nach Aventurien gebracht, nicht anders als der Kult der Zwölfe, auch wenn diese Anmerkung in den Ohren eines strengen Zwölfgöttergläubigen wie Ketzerei klingen mag. Es existieren noch Fragmente von Dokumenten, die von unsäglichen Riten, von Menschenopfern und Schlimmerem unter den Siedlern sprechen. Tatsache ist, daß die Anbetung dieser Gottheit in Güldenland weiter verbreitet ist als in Aventurien, ja man munkelt dort sogar von Landstrichen, die ganz verfallen sind. Ob allerdings der Ritus des Namenlosen, so wie wir Aventurier ihn kennen, der Verehrung ähnelt oder gar gleichkommt, wie man ihn auf dem fernen Westkontinent zelebriert, vermag kein aventurischer Wissenschaftler mit Gewißheit zu sagen. Und auch über die aventurische Form der Verehrung des Namenlosen gibt es nur wenige und kaum verläßliche Quellen, ist es doch bislang der Inquisition nur selten gelungen, einen seiner Anhänger, der ihnen in die Netze gegangen ist, dazu zu bewegen, Kunde zu tun, von den geheimen Ritualen des Kultes. Doch muß man die Gerüchte von schwärzester unheiliger Magie, von Blutopfern und Bündnissen mit Dämonenwesen, von Ritualmorden und allen sonstigen Ausschreitungen, die man den Dienern des Götzen ohne Namen nachsagt wohl glauben, bedenkt man allein die Skrupellosigkeit und tiefe Verderbtheit, mit der seine Diener den unheiligen Glauben ihres Herrn auf Deres zu verbreiten suchen, um seine Macht zu mehren. Man kann nur mutmaßen, wie viele Anhänger dieses verderbten Kultes in Aventurien ihr geheimes Leben führen, doch mögen die Zwölfe es geben, daß es nur wenige sind.“

(Aus dem Tractatus betreffend den Gott ohne Namen, ergänzte Abschrift von Hesindiane da Layana, Academia zu Zorgan, 17 Hal)

„Zutiefst im Geheimen wirkt der Kult des Namenlosen und nur wenig davon dringt je an das Licht Deres. Man weiß, daß sich seine Diener in Roben in Schwarz und Purpur hüllen, doch tun sie dies nur während ihrer geheimen Rituale an verborgenen Stätten, ansonsten sind sie nur schwerlich zu erkennen.

Es heißt, daß sie, um einen Pakt mit ihrem Gott zu schließen und so zu Macht zu gelangen, einen Teil ihrer selbst opfern müssen, ein Körperglied, einen Zeh oder Finger als erste Stufe der Selbstaufgabe, später ein Auge, dann den Schatten. Als höchstes und letztes Opfer bieten die unheiligen Jünger ihrem Götzen ihre Seele dar, die dieser mit großer Lust verzehrt. Solche Opfer aber verlangt der dunkle Götze, um die wahrhaft Gläubigen von den Zauderern und Wankelmütigen zu scheiden, denn nur die, die gewillt sind, sich selbst ihrem Herrn zu opfern, sind würdig, daß er sich ihnen offenbart. Hat der Namenlose aber erst einmal die Seele seines Dieners genommen, so kann selbst einer der Zwölf diesen Verdammten nicht mehr retten.“

(Codex über den Namenlosen, Praiostempel zu Gareth)

„Wie kleingläubig und dumm sind die Diener der Zwölfe, die tatsächlich glauben alles Böse mache sich an der äußeren Gestalt einer Kreatur bemerkbar. Es gibt nicht wenige, die der Überzeugung sind, daß alle Entstellungen und Verunstaltungen Zeichen der Götter seien. So ist es denn auch zu erklären, daß in manchen Gegenden Bucklige, Kriegsveteranen und von Krankheiten Entstellte Mühe haben, nicht auf dem Scheiterhaufen zu landen. Über uns verbreiten sie, wir würden, einer wie der andere, eines unserer Glieder hergeben, als Zeichen der unbedingten Hingabe zu unserem Herrn. Ha! Kleingläubige Einfaltspinsel! Sicher, es gibt solche, die diesen Weg gehen. Doch hält man uns für so dumm, daß ein jeder solch ein Stigma offen trage? Hält man IHN für so dumm, dergleichen zu fordern? Sie wissen nichts über SEIN Wesen, nichts über uns. In ihrer Dummheit glauben sie jedem Ammenmärchen, das sie zu hören bekommen, wenn es sich nur in ihr armselig enges Weltbild fügt. Laß sie nur weiter in ihrem Glauben und jenen nachspionieren, die durch Unglück, Krankheit oder Krieg versehrt worden sind, denen ihre launischen Götter ein Mal aufdrückten, in ihrer Leichtfertigkeit. Wir werden dies zu nutzen wissen!“

(Dokument unbekannter Herkunft, angebliches Protokoll eines Gespräches mit einem Geweihten des Namenlosen, möglicherweise eine Fälschung, Geheimbibliothek Seiner Hochwohlgeboren Dexter Nemrod)

„Mein Kind, man will Dir in der Praiosschule weismachen, daß die Diener des Bösen von denen des Guten leicht zu scheiden sind, zeige sich ihre Verderbtheit doch in Äußerlichkeiten, wie fehlenden Gliedern oder Augen. Die langen Jahre der Beschäftigung mit diesem Phänomen haben mich gelehrt, daß dem nur selten so ist. Allzu oft verbrigt sich das Böse gerade hinter der Maske der Unschuld.

Ich sage Dir aber, wenn es den Dienern des Allbösen an einem mangelt, dann ist es am Herzen, und das ist es, was sie ihm als Opfer darbringen. Wie aber soll selbst der Scharfsichtigste diesen Mangel mit bloßen Auge erkennen?“

(Aus einem Brief der Magisterin Elêpha Eisenhand an ihre Scholarin)

„Wohl wissen wir zu sagen, daß die Größe des Opfers zugleich Ausdruck des Ranges der dunklen Geweihten darstellt, doch wissen wir nicht zu sagen, mit welchen Titeln sich die Unheiligen benennen und wie unterschiedlich ihre Machtfülle ist. Einzig der Titel des „Erzopferer des dunklen Ornats vom Orden der Zweiköpfigen Schlange“ ist uns bekannt, einem hohen Geweihten des Götzen aus dem fernen Güldenland, der in früheren Zeiten auf geheimen Wegen nach Aventurien kam, sich den Gläubigen des frevlerischen Götzen zu widmen. Doch ist seit Jahrhunderten nicht mehr bekannt geworden, daß ein solcher Erzopferer seinen Fuß auf aventurischen Boden gesetzt hat, was heißen mag, daß sich die Wege der Verehrung des Allbösen in Aventurien und Güldenland trennten und einander fremd wurden. Doch mag es ebenso bedeuten, daß die Schliche der Götzenanbeter verschlungener wurden und wir ihren Spuren nicht länger zu folgen vermögen. Ob und wieweit es noch Verbindungen zwischen dem güldenländischen und dem aventurischen Kult gibt, wer weiß es zu sagen?

Auch weiß man nicht, wie lange der höchste Priester des Namenlosen sein hohes Amt bekleidet, doch herrscht allgemein die Überzeugung, daß diese Periode dreizehn Jahre währt und daß die Wahl des Nachfolgers natürlich an den verfluchten fünf Tagen stattfindet, die man die „Tage des Namenlosen“ nennt.“

(Yandelind Zwölfetreu, Geweihte der Hesinde zu Kuslik, in einer Vorlesung, basierend auf Dokumenten, die von Güldenlandfahrern mitgebracht wurden, 17 Hal)

„Die Orte der Anbetung des Namenlosen aber erkennt man an einer widernatürlichen Pflanze, die an diesen Orten bevorzugt wächst, sie sind ein Zeichen Peraines, seine schändlichen Jünger aufzuspüren, seine Tempel zu finden und seinen ganzen verderbten Kult auszumerzen.“

(Almanach der Zwölfgöttlichen Unterweisung, Ausgabe für die Unterweisung von Praiosnovizen)

„Dir, All-Einer, Hüter meines Schicksals, Herr über mein Leben, soll alles gehören, das ich bin. Dieses Fleisch sei dein Fleisch, dieses Blut, dein Blut. Mein Verstand, er gehört dir, mein Herz, es schlage nur für dich, ich atme allein für dich. Nimm, und verfüge über mich, wie dir beliebt. Ich bin dein Werkzeug, dein Diener, ganz dein ...“

(Credo der dunklen Bruderschaft)

„Es gibt gar solche, die lassen sich von den Pfaffen weismachen, es gäbe ein Kraut, daß nur dort wächst, wohin wir unsere Schritte setzen und unsere heiligen Handlungen tun. Ich sage, bestärkt sie in diesem jämmerlichen Irrglauben. Und vergeßt nicht abseits im Wald dieses Pflänzchen zu züchten und beizeiten im Garten eines Pfaffen auszusetzen ...“

(Dokument unbekannter Herkunft, angebliches Protokoll eines Gespräches mit einem Geweihten des Namenlosen, möglicherweise eine Fälschung, Geheimbibliothek Seiner Hochwohlgeboren Dexter Nemrod)

Über das Trachten des Kultes weiß man, daß sein ganzes Streben dem gilt, diese Welt ins Verderben zu stürzen, die Macht der Zwölfgötter zu schwächen und die Lehren ihres dunklen Götzen zu verbreiten, daß er an Einfluß zunimmt, bis er eines Tages so machtvoll sein wird, sich wider die Zwölfe zu erheben.

Die heilige Ordnung der Zwölfe zu zerstören, darin liegt das Ziel des Allbösen, und so üben sich seine Diener zugleich in allem, was bestehende Herrschaft schwächen kann, spiegelt sich die göttliche Ordnung doch auch in den Reichen der Menschen wieder. Und eine jede Tat, die ein Menschenreich erschüttert, und sei es auch noch so unbedeutend, ist ein Sieg für den Namenlosen und eine Niederlage für die Zwölfe.“

„Von den Geweihten des Namenlosen weiß man, daß sie durch überdurchschnittlichen Mut, hervorragende Klugheit und ein faszinierendes Charisma gekennzeichnet sind. Doch sind sie zu gleicher Zeit ausgesprochen gefühlskalt, berechnend und skrupellos, sowie von tiefer Machtgier erfüllt.“

(beides aus der Abhandlung eines unbekannten Praiosgeweihten über das Wesen des Namenlosen, Tempel zu Greifenfurt)

„Im geheimen wirkt der Kult des Namenlosen und ebenso im Verborgenen liegen die Weihestätten des verderbten Gottes: Wilde, öde Landstriche, in denen die praiosgefällige Weltenordnung kaum Fuß zu fassen vermag, Gebiete, die keinen Herrscher kennen, noch eine Ordnung, Gefilde, in denen Gesetz allein ein hohles Wort ist und ein jeder allein sich seine Regeln formt. Dies sind die Orte, da sich vornehmlich die Zirkel des Verabscheuungswürdigen zusammenfinden. Wilde Steppen, unwegsame Wälder, hohe Gebirge, Gefilde fernab jeglicher Zivilisation, fernab jedes Landesherrn, der über Wohl und Wehe des Landstriches und seiner Bewohner wachen kann, dort mag man auf Stätten der Anbetung treffen: uralte Steinkreise, Moorinseln oder verborgene Täler, unergründliche Höhlenlabyrinthe, die Kuppe eines Hügels, uralte Walstätten, verrufene Gemäuer, Orte, an denen Sphären oder Elemente aneinander stoßen, Stätten voll alter Magie, dies sind bevorzugte Plätze, die sich die Kultisten des Namenlosen für ihre schimpflichen, verderbten Rituale erkiesen. Die heiligsten Stätten des namenlosen Gottes aber sind in Aventurien unbekannt und in den Güldenlanden zu finden.“

„Von einem Platz, da man den Verruchten anbetet, hat man in jüngster Zeit erfahren: das Schloß des Grafen Laescadir, einem der verderbtesten und verruchtesten Diener des schwarzen Götzen. In den wilden Hügeln Ysiliens gelegen, war die Feste ein Hort für die Übelsten der Üblen, und allerlei unheiliges Stückwerk fand man dort verborgen. Die heilige Inquisition hat dem verderbten Treiben ein Ende bereitet und die Kultstätte auf ewig zerstört, doch muß man fürchten, daß die flüchtigen Diener des Namenlosen schon bald an ähnlicher Stelle eine neue unheilige Bastion errichten, ist das Land doch wild und bar der praiosgefälligen Herrschaft, seit die Oger das Land verwüsteten. Das aber sind die Voraussetzungen, die die Götzenanbeter für ihr unheiliges Tun brauchen: Chaos und Anarchie.“

„Vor allem aber an den 5 Tagen, denen der Gott seinen Namen gab, regt sich der widerliche Kult und begeht seine hohen Feste. In dieser Zeit reisen von überall her die Angehörigen des Ritus‘ an diese verschwiegenen Plätze, treffen sich und suchen die Nähe ihres erstarkten Beschützers. Man weiß von hymnischen Anrufungen des Namenlosen, von orgiastischen Festen ebenso wie von Ritualen eiserner Zucht. Blut-, Tier- und Menschenopfer bestimmen die Riten, auch werden unheilige Wesenheiten beschworen und in diese Sphäre entlassen, Unheil zu verbreiten unter den Zwölfgöttergefälligen.“

„Man weiß von keiner Verbindung der Zirkel des Namenlosen untereinander, noch von einer zentralen Macht, die Umtriebe der Geweihten und Gläubigen zu lenken, doch läßt die Effizienz und Macht, mit der sich die Taten der Ketzer offenbaren, den Schluß zu, daß sie auf geheime Weise miteinander verbunden sein müssen.“

(Alles aus verschiedenen Quellen über den Namenlosen, aus Tempelbibliotheken der Hesinde und des Praios’, sowie aus den Schriften der Inquisition)

„Vernehmungen jener, die uns nach der Zerschlagung jenes zerstörerischen Zirkels zu Burg Laescadir in die Hände gefallen sind, haben wenig genug erbracht. Kaum eine Silbe war jenen verderbten Kreaturen zu entlocken, die uns weiteren Aufschluß über die Structures dieses unseligen Kultes gegeben hätte, noch über weitere Un-Personae, die sich dem Allbösen in blinder Verehrung hingegeben haben. Selbst in der praiosgefälligen Befragung wußten sie sich der Wahrheit zu verschließen, kein klares Wort vermochten wir ihren verderbten Lippen zu entlocken. Bei einigen umnachtete sich der Geist ob des düsteren Wirkens ihres Götzen - diese haben wir, nachdem kein Quentchen Verstand mehr in ihnen zu finden war den reinigenden Flammen übergeben. Andere nutzten die Stunden, da man ihnen Ruhe gewährte, um zur Einsicht zu kommen und auch um ein vorschnelles Ableben zu vermeiden. Trotz vorschriftsgemäßer Fesselung gelang es einigen, sich selbst zu entleiben, zumeist, indem sie sich mithilfe ihrer eigenen Fesseln erwürgten oder indem sie ihre Häupter wieder und wieder an die Mauern schlugen, bis ihnen die Hirnschale zerbarst. Dabei schrie oder stöhnte nicht einer von ihnen, um sein unheiliges Tun nicht zu verraten.

Als erschreckendstes Beispiel, welche Macht der dunkle Götze über die ihm Verfallenen ausübt, erschien uns aber eine, die ihm so zu eigen war, daß sie unter der Macht der hochnotpeinlichen Befragung sich selbst die Zunge abbiß. Das Weib war dabei noch so kaltschnäuzig, das abgetrennte Stück dem ehrenwerten Herrn Inquisitor ins Gesicht zu spucken. Auch diese haben wir dem Feuer übergeben, nicht ohne die Guvernianischen Litaneien zu verlesen. Dies, wie auch ihren Tod ertrug das Weib in schier unheimlicher, stoischer Ruhe. Indem sie sich gab wie eine heilige Märtyrerin verspottete sie noch im Moment der Verdammnis die hochhehren Zwölfe. Es ist erschreckend, wie viel Kraft diese unseligen Kreaturen aus ihrem falschen Glauben zu schöpfen vermögen.

Nebenbei bemerkt kam es bei den Hinrichtungen, bei denen ich Zeuge war, in nicht einem Fall zu jenen, in einschlägigen Berichten angeführten schrillen, unsphärischen Schreien, die man darauf zurückführt, daß die Seele in die ewige Verdammnis gerissen wird. Dessen ungeachtet hat Vater Hilarion solche Passagen in die offiziellen Protokolle aufgenommen, denn er führt das Fehlen dieses sicheren Indizes dessen, was den Dienern des Allbösen droht, auf eine Sinnestäuschung zurück, einen letzten Versuch der Delinquenten, uns mit Zweifel zu erfüllen, auf dem ihr dunkler Glaube so trefflich zu keimen vermag.“

(Aus dem Bericht des Praiostempels zu Warunk nach der Ergreifung von Sephirim Isyahadin Laescadir)

„Nicht wenige Anhänger des Götzen ohne Namen findet man aber unter den Mächtigen dieser Welt: Solche des Adels, die der Überdruß zum Bösen treibt, ebenso wie manch einflußreichen Bürger, der in seinem Kampfe wider seine Konkurrenten sein Heil in unheiligem Bunde sucht. Und auch Magi, die auf ihrer Suche nach Wissen verbotene Pfade betreten, die besser keines Menschen Fuß je berührt hätte, fallen den Einflüsterungen des Namenlosen anheim. Doch auch einfache Menschen sind gegen die Versuchungen des Verderbten nicht gefeit: In Zeiten wirtschaftlicher Not, in Kriegen oder Hungersnöten sind gerade die Ärmsten nicht selten von ihren Göttern enttäuscht und willig, den Versprechungen der umherreisenden Geweihten zu glauben.“

(Aus einer Lehrschrift Anselm Horningers, Hochgeweihter des Praios und Inquisitionsrat)

„Die Verheißung von Erfüllung und großen Freuden, im Diesseits, ebenso wie im Jenseits, vor allem aber das Versprechen, ihnen Macht zu schenken, ist vornehmlicher Grund für jene, die sich dem Götzen ohne Namen andingen. Und im Gegensatz zu denen, die ihr Heil im Bund mit einem Daimon suchten, sagt man vom Namenlosen, daß er noch nie eines seiner unheiligen Kinder im Stich gelassen habe.“

(Anonymus, 29 Hal, Bibliothek der Inquisition zu Rommilys)

„Sie wollen uns glauben machen, ER würde uns auf einen Irrweg führen, sich unser zu Nutze machen, um uns am Ende doch nur zu verraten und von unseren Seelen zu zehren.

Woher nur nehmen sie diese Gewißheit, daß ihr Weg der einzig richtige sei, woraus nur nährt sich ihre Überheblichkeit, die einzige Wahrheit zu kennen?

Wenn man sich ihre kindlichen Vorstellungen vor Augen hält, unsere Gemeinschaft, unsere Ziele und SEIN Bestreben betreffend, soll es einen eigentlich nicht wundern. Dummheit ist es, Schlichtheit und Borniertheit. Sie wollen nicht sehen, was nicht sein darf.

Sie verstehen nichts, weil sie die Erkenntnis nicht zulassen können, daß die Welt mehr als eine Wahrheit birgt.“

(Dokument unbekannter Herkunft, angebliches Protokoll eines Gespräches mit einem Geweihten des Namenlosen, möglicherweise eine Fälschung, Geheimbibliothek Seiner Hochwohlgeoren Dexter Nemrod)

„Bislang dachte man, die Diener des Namenlosen könnten geweihten Grund nicht betreten und die Präsenz heiliger Gegenstände sowie die Berührung geweihter Priester nicht ertragen, so daß ihre Maskerade durch all diese Dinge aufzudecken sei. Doch wehe, erst vor kurzem mußten wir feststellen, daß wir uns geirrt hatten, ist doch dem Edlen von Niederklee, einem allen als götterfürchtig bekannten Mann, der keinen Weihedienst versäumte, von den Inquisitores, die die Kindsraube in dieser Gau untersuchten, die harmlose Maske von seiner verderbten Fratze gerissen worden. Wie bitter war der Moment, in dem uns offenbar wurde, daß er sich der Traviapriesterin des Dorfes bedient hatte, die Kinder in Arglosigkeit zu sich zu locken. Er war nicht davor zurückgeschreckt, ihre Sinne zu verwirren und mit seinen verqueren und abgrundtief bösen Lehren zu füllen, bis sie ihm willfährig zu Diensten war. Kann es denn sein, daß es den Zwölfen nicht gelingt, IHRE Diener davor zu bewahren?“

(Protokoll des Praiostempels zu Greifenfurt, 27 Hal)

„Sicher, der Weg zu SEINEM Reich führt durch die Zerstörung. In der Zerstörung des Bestehenden liegt die reinigende Kraft, das Chaos reinigt die Sphären. Doch verbirgt sich in ihm auch der Keim des Neubeginns. Dann aber, wenn Dere von all dem Falschen, Häßlichen und Dummen gereinigt ist, wenn SEINE Gesetze gelten, wenn Bruder und Schwester frei von Zwängen wandeln, dann offenbart sich seine wahre Gestalt, seine Liebe zu uns, die wir sehen, und wir werden frei und ungezügelt leben, denken und handeln können ...“

(Aus einem Brief Sephirim Isyahadin Laescadir an seine Schüler, jetzt Praiostempel zu Warunk)

„Dennoch, die Zahl der Anhänger des Namenlosen ist, verglichen mit der Schar der Gläubigen, die dem wahren Glauben folgen, wie ein Kelch fauligen Wassers, den man in den reinen Weltenozean ergießt. Doch soll man die Macht des Ritus nicht unterschätzen, tummeln sich unter diesen Wenigen doch solche von außergewöhnlicher Machtfülle und Einfluß.“

(Vortrag eines unbekannten Praiosgeweihten )

Mannigfach sind die Verkleidungen der Götzendiener, es gibt nicht eine Larve, mit Ausnahme der geweihter Diener der Zwölfe, die sie nicht anlegen und trefflich vorzugaukeln vermögen. Es ist ihr Gott, der sie in ihrer Maskerade behütet, seine Präsenz vernebelt die Sinne der Scharfsinnigen und täuscht die Instinkte des einfachen Volkes, die doch oftmals das Böse intuitiv zu erkennen vermögen.

(Almanach der zwölfgöttlichen Unterweisung, Ausgabe für Praiosnovizen)

„Jahrelang kann man unwissentlich Umgang mit einem seiner Götzendiener pflegen, ohne auch nur zu ahnen, wem man sein Vertrauen geschenkt hat, denn jeder von ihnen ist ein Meister der Täuschung. Harmlos leben sie ihr Leben fort, kaum einmal mag einem eine Geste, ein Wort befremdlich anmuten. Wehe aber, wenn ihre Täuschung gelüpft zu werden dräut: Manch argloser Bürger hat erst in dem Momente Kenntnis von der wahren Natur seines vermeintlichen Freundes bekommen, als dieser ihm ob einer unbequemen Frage mit niederträchtiger, zauberischer Macht die Zunge aus der Kehle riß, um ihn dann endgültig zum Verstummen zu bringen.“

(Aus einer Lehrschrift Anselm Horningers, Hochgeweihter des Praios und Inquisitionsrat)

„Obacht ist geboten im Umgang mit den Dienern des Bösen, denn oftmals vereinen sie weltliche mit überderischer Macht. Dem Gimpel aber, der einfältig genug ist zu glauben, daß es keine große Kunst sein kann, einen Geweihten des dunklen Gottes zu enttarnen, wird seine Dummheit und Borniertheit mit dem Leben bezahlen.

Viele von ihnen verfügen über ein ausnehmend charismatisches Wesen, sind von hoher Intelligenz und in der Lage, selbst ihre Nächsten, ja, sogar Anverwandte, über ihre wahre Natur zu täuschen. Ihre Fähigkeit, Ränke zu schmieden, ist sprichwörtlich, desgleichen ihre Skrupellosigkeit. Es heißt, daß einige unter ihnen magische Kräfte bergen, wiewohl ihnen doch auch die Gabe ihres Götzen zu Gebote steht. Es ist nicht erwiesen, ob diese widernatürliche Kraft vergleichbar der der Borbaradianer, die mit ihrem Blute gespeist wird oder ob sie über arkane Potenz gebieten. Doch lassen einige Geheimprotokolle aus der Zeit der Priesterkaiser vermuten, daß letzteres zumindest für die Fürchterlichsten unter ihnen gilt.“

(Alara Zwölfetreu, Draconiterin und Geweihte der Hesinde, auf einem Symposion über den Namenlosen)

„Unzweifelhaft ist, daß es mehrere Grade der Weihe gibt, ähnlich den Kreisen der Verdammnis, die ein Dämonenpaktierer betritt. Diese Grade unterscheiden sich durch das Opfer, das die Götzendiener dem Allbösen dargebracht haben. In Folge ist dies ein Finger- oder Zehenglied, ein ganzes Körperglied oder Auge, dann der Schatten. Letztes Opfer ist die Seele, die, nachdem der Pakt geschlossen ist, unrettbar verloren ist.

Die Religion des Gottes ohne Namen ist gnadenlos und es zählt zu ihren Maximen, niemals am wahren Glauben zu zweifeln, wollen sie nicht göttliche Strafen auf sich hinabrufen, gegen die alle derische Pein, jede Folter, jede Qual, die ein Mensch ihnen beibringen kann, wie Honigschlecken anmuten muß. Deshalb ist es unmöglich, sie von ihrem Irrglauben abzubringen und hätten sie auch die Verdammnis vor Augen. Wiewohl einige Unverzagte behaupten, daß es machtvollen Geweihten gelingen kann, auch zu diesem Zeitpunkt noch die verderbte Seele zu retten. Mir allein fehlt dazu der Glaube, denn noch nie wurde ich einer solchen Bekehrung ansichtig, und ich habe, bei Praios, schon viel gesehen. “

(Praiowyn Illuminan, Hochgeweihter des Praios, auf einem Symposion über den Namenlosen)

„(...) Im Gegensatz zu meinem Vorredner kann ich mich der Auffassung nicht anschließen, daß die Geweihten des Namenlosen in einem ähnlichen Gefüge leben, wie man es aus so vielen anderen Situationen kennt, daß nämlich ihre Gemeinschaft in festgefügte Zirkel aufgeteilt sei, die einander untertan sind, je nach Grad der Weihe. Die Lektüre der Schriften des verderbten Grafen Laescadir lassen meiner Meinung nach viel eher den Schluß zu, daß sie gar kein solches System der Über- und Unterordnung kennen. Vielmehr scheinen sie diese praiosgewollte Ordnung als Symbol ihres Widersachers zutiefst zu verabscheuen, so daß sie sich eben darum bemühen, einen anderen, ungeordneten Weg zu gehen. Wenn wir ihnen aber beikommen wollen, sollten wir tunlichst davon absehen, uns an unsere Kategorien des Denkens zu klammern, sondern vielmehr versuchen, uns ihre Denkweise zueigen zu machen. Nur so werden wir in der Lage sein, ihr Handeln vorauszusehen (...)

(Alara Drachentreu, Draconiterin und Geweihte der Hesinde, auf eben jenem Symposion)

„Sie versuchen uns in ein ähnlich lächerliches Gefüge zu zwängen, wie sie selbst es brauchen, um in ihrer Einfalt an ihrem Leben nicht zu scheitern. Ebenso haben sie es mit der 7. Sphäre getan, als ob es unter den Dämonen, den Kindern des Chaos, ein Herrschaftsgefüge gäbe. Wie können sie mit ihrem minderen Geist auch erfassen, daß gerade in der ungezügelten Freiheit die wahre Kraft liegt? Sie begreifen das Wesen und die Kraft des Chaos nicht, und sie werden es auch nie, so lange sie weiter die Blindheit zur Zierde und die Beschränktheit zur Tugend erklären.“

(Anonymus)

Die Wunder des Namenlosen Gottes

„Von meiner Macht willst du wissen, von den Gaben, die mir der All-Eine, der Einzige schenkt? Das, du elendiger Wurm, wirst du früh genug am eigenen Leibe erfahren. Dann winsele nur nach deinem güldenen Götzen, es wird dir nichts helfen ...“

(aus dem Vernehmungsprotokoll eines namentlich nicht benannten Anhängers des Unaussprechlichen)

Groß ist die Macht des Namenlosen Gottes, seine Verderbtheit zeigt sich in den Wundern, die er seinen treuen Jüngern schenkt. So wenig man die Wunder der Zwölfe alle benennen könnte, so wenig kann man das über die Mirakel des Gottes ohne Namen behaupten, auch wenn dieser Vergleich jedem Götterfürchtigen nur schwer über die Zunge geht. Nichtsdestotrotz seien einige Manifestationen im folgenden aufgeführt, denen, die sich dem Kampfe gegen den Allbösen verschworen haben zur Warnung und Wappnung.

Legion sind die Möglichkeiten der Götzendiener, über Geist, Willen und Verstand eines Opfers die Herrschaft zu erlangen. Gereichen Tarnung und gewandte Reden nicht allein, seine wahre Natur und Absichten im Verborgenen zu halten, so ist der Geweihte des Namenlosen in der Lage, die Sinne seines Gegenübers zu trüben, so daß es ihm an Klarheit gebricht. Er ist nicht länger in der Lage, Schlußfolgerungen aus dem, was er gesehen und gehört hat zu ziehen, Scharfsinn wird zu Stumpfsinn. Machtvolle Götzendiener sind gar in der Lage, dem Opfer falsche Gedanken einzuflößen. Allerdings ist es einem geschulten Auge nicht unmöglich, diese Beeinflussung zu erkennen und durch entsprechende Maßnahmen zu brechen.

Desgleichen stehen den Verfluchten Kräfte zu Gebote, den Willen eines Opfers unter den eigenen zu zwingen, den Auswirkungen des verderbten Zaubers Imperavi Animus ähnlich.

Um neue Jünger zu gewinnen bedienen sich die Diener des Namenlosen ebenfalls der Macht ihres Gottes. So gibt es Berichte, die von Einflüsterungen künden, denen sich das Opfer kaum oder gar nicht zu entziehen vermochte. Es ist den Geweihten möglich, den Herzenswunsch eines Menschen, zumindest eines jeden solchen, dessen Geist über keine oder nur schwache Barriere gegen solche Beeinflussungen verfügt, zu erkennen und dem Opfer vorzugaukeln, daß die Erfüllung dieses Wunsches nahe sei, wenn er sich nur dem einzig wahren Gott hingebe. Diejenigen, die nach dem Reichtum streben, zieht der Geweihte mit der Gabe an sich, Gegenstände durch bloße Berührung in schieres Gold zu verwandeln. Auch gibt es solche, die in der Lage sind, einem Menschen angeblich die ewige Jugend zu schenken. Doch weiß man, daß dieser Effekt nur für eine gewisse Spanne wirksam ist, bevor das Opfer wieder seine ursprüngliche Gestalt annimmt. In jedem Falle aber währt dieses Wunder lange genug, den Versuchten tief in den Kreis der Verdammnis zu ziehen.

Auch kennen die Diener des Götzen einen Weg, die Tugenden eines Menschen ins Gegenteil zu verkehren, so daß ihn seine dunkle Seite regiert. Voller Arglist ist diese Macht, einem Opfer an seinem Glauben, seinen Ehrbegriffen, seinen moralischen Grundfesten tiefe Zweifel einzugeben . Ein solchermaßen bezauberter zweifelt an seinen Göttern und deren Geboten, fühlt sich an Ehre, Güte oder Freundschaft nicht länger gebunden, im Gegenteil, er wird zu einer Gefahr für alle, die ihm bislang vertrauten. Selbst Geweihte sind nicht gegen diese Attacken gefeit, ja, es scheint gar, als empfänden die Namenlosen Priester besondere Genugtuung dabei, ausgerechnet diese in schrecklichste Verwirrung zu stürzen.

Zwar gelingt es nur selten, einen Menschen auf diese Weise endgültig von seinem götterbefohlenen Weg abzubringen und dem Namenlosen zuzutreiben, doch reicht die Konfusion so weit, daß der Mensch für Stunden oder Tage darin befangen ist. Desgleichen stehen den Geweihten machtvolle Mittel zur Verfügung, sich gegen Häscher zur Wehr zu setzen.

So sind sie in der Lage Magiern ihre arkanen Kräfte zu rauben und ihn im Wirken der Macht zu behindern, so daß ihm selbst die vertrautesten Zauber nur schwer von der Hand gehen und die Möglichkeit des Scheiterns oder gar eines fatalen Fehlers weit größer als üblicherweise.

Besonderen Schrecken birgt die Macht, Dinge durch bloße Berührung zu verderben und sie binnen kürzester Spanne in Fäulnis vergehen zu lassen, bis nichts weiter übrig bleibt als ekelerregender Schleim. Es heißt zwar, daß diese Macht nichts treffen kann, das noch von Leben erfüllt ist, allein, ich bete zu den Göttern, daß dem so ist. Denn man weiß von dämonischen Dienern des Namenlosen, die eben diesen Fluch bringen, so daß zu fürchten ist, daß ein Geweihter des Namenlosen in einem großen Mirakel auch solche Widerwärtigkeit zu vollbringen vermag.

Zu den fürchterlichsten Fähigkeiten, die der Allböse den Seinen gibt, zählt aber die Macht, die Seele eines Sterbenden zu rauben, um sie zwölfgöttlichem Trost zu entziehen und die Götter zu schwächen. Kurz nach Eintritt des Todes, während die Seele des Verstorbenen noch im Körper weilt, kann der Geweihte sie in die Verbannung stoßen, die Macht seines Herrn zu mehren. Die arme Seele ist verdammt, ziellos zwischen den Sphären zu reisen, hilflos Daimonen, bösen Geister und unheiligen Wesenheiten ausgeliefert und annähernd bar jeder Hoffnung, errettet zu werden. Das aber geschieht zumeist, wenn jemand ohne festen Glauben oder priesterlichen Beistand sterben muß.

Die mächtigsten Diener wissen schrecklichste Mirakel, ähnlich den großen Wundern zu wirken, deren Grauenhaftigkeit und Verderbtheit die finstersten Phantasien eines Sterblichen übertreffen. Tod und Verfall, Wahnsinn und Besessenheit verbreiten sich, wo der Götzendiener erscheint, widerwärtige Dämonengestalten stehen ihm zu Gebote, Dere zu verderben, Pestilenz und Grauen zu verbreiten. Ganze Landstriche verdorren, Wälder werden binnen Lidschlägen zu Massen fauligen Schleims, blinder Wahn greift um sich, so daß der Freund sich auf den Freund stürzt, in der Absicht ihn zu töten, die Mutter ihr Kind, der Mann seinen Bruder mordet.

Der Geweihte ist in diesen Momenten, da die haßerfüllte, schreckerregende, allesverderbende Kraft seines Gottes ihn durchfließt, nichts weiter als ein Gefäß, diese Macht in diese Sphäre zu tragen. Bisweilen geschieht es, daß die ungezügelten Kräfte dieses Gefäß in ihrer Wut zerschmettern. Dann fährt die Seele des Geweihten heulend in den Limbus, sein Körper aber wird zu einer amorphen, übelriechenden Masse, tödlich für jeden, der sie berührt, bevor nicht ein Geweihter die Riten der Exorcitia darüber vollzogen hat.

(Aus einer Lehrschrift für Inquisitoren, 9 Hal)

„Blind sind sie geboren, blind bleiben sie in ihrem Glauben, der sie verblendet und ihnen die Wahrheit vorenthält. Belassen wir sie in dieser Blindheit, bis sich ihnen eines Tages die Wahrheit offenbart...!“

(Sephirim Isyahadin Laescadir in einem Brief an einen Glaubensgenossen)

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