Wie Katz und Hund

Wenig Erörterungen hat es bislang über das Verhältnis jener übelsten Feinde der Zwölfe gegeben, des verderbten Borbarads und des Erzbösen, dem Gott ohne Namen. Ob dieses Manko auf Furcht, Ignoranz oder Mangel an Gelegenheit fußt, steht noch zu ergründen. Diese Lücke zu schließen, haben wir uns zur Aufgabe gemacht. Wohl wissend, daß wir damit Pfade beschreiten, die manchem als ketzerisch erscheinen mögen, wollen wir uns dennoch dieses wichtigen Themas nicht enthalten, denn die Flamme der Erkenntnis gilt mehr als vieles andere.

Thalion von Lowangen und Pedäa von Methumis, Diener im Licht der heiligen Schlange, Draconiterorden zu Punin, 27 Hal

„Die Diener des schwarzen Borbarads, Erzböser, Feind des Lichts, Hassenswürdigster, wünschen nichts mehr als die Zerstörung der zwölfgöttlichen Ordnung und die Herrschaft der Zwölfe durch SEINE zu ersetzen. Dies zu vereiteln, muß unser Kampf gelten, mit ganzem Herzen.“

Aus dem Brevier der Zwölfgöttlichen Unterweisung, S. 75

Die Diener des dunklen Namenlosen, Erzböser, Feind des Lichts, Erzverderber, wünschen nichts mehr als die Zerstörung der zwölfgöttlichen Ordnung und die Herrschaft der Zwölfe durch SEINE zu ersetzen. Dies zu vereiteln, muß unser Kampf gelten, mit ganzem Herzen.

Aus dem Brevier der Zwölfgöttlichen Unterweisung, S. 121

Wie sich die Worte doch gleichen ...

Und so verwundert es nicht, wenn so viele Anhänger der Zwölfe, selbst Streiter der Kirchen, die genau in den Lehren unterwiesen sind, nicht unterscheiden, ob sie es mit einem Jünger des dunklen Gottes oder einem des lästerlichen Borbarads zu tun haben. Ein fataler Lapsus, geboren aus Unkenntnis, aus mangelnder Einsicht, ja, sogar aus Ignoranz.

Wer aber annimmt, daß, nur weil beide Antagonisten der Zwölfe sind, ihr Treiben dem selben Ziel gilt, der irrt, wie eine genaue Betrachtung der vorliegenden Quellen ergibt.

Borbarad nutzt seine Schergen dazu, eine Weltordnung nach seiner Maßgabe zu etablieren, mit ihm an der Spitze, getreulich fußend auf dem bisherigen Weltbild, mit einer genauen Ordnung der Sphären und einer hierarchischen Ordnung, wie man sie kennt, nur daß ER die Krone tragen will.

Im Gegenzug dazu streben die Diener des Namenlosen unter seinem Banner für ein Ende der Zwölfgöttlichen Ordnung und der darauf folgenden Freiheit des Chaos. Chaos meint, daß die Trennung der Sphären ein für allemal aufgehoben ist, Chaos meint, daß ein jeder tun kann, wonach ihm beliebt. Keine Stände, keine Unterschiede, es sei denn durch die natürlichen Gaben wie Talent und Intellekt. Kein dienern mehr vor Autoritäten, auch nicht vor der des Namenlosen selbst. SEINE Macht ist ohnedies superior, auch ohne unterwürfige Gesten seiner Diener.

Und noch ein Unterschied gilt für die beiden Widersacher der Zwölfe: Während der eine unzweifelhaft göttlicher Natur ist, noch dazu eines Ursprungs, der nicht zwangsläufig der der Zwölfe ist, ist der andere bestenfalls göttlicher Abkunft, ein Nachkomme der Zwölfgötter, des Hesindesohns Nandus, und eng mit ihnen verquickt.

Was aber bedeutet das nun für die beiden dunklen Kulte und ihr Verhältnis zueinander?

Betrachtet man Borbarad mit den Augen des Namenlosen, so ist dieser nichts weiter ein Emporkömmling, einer, der sich ungebeten in das Spiel der Mächte einmischt, der frech wie ein Falschspieler versucht, eine Trumpfkarte zu stechen, im immerwährenden Kampf um die Welten.

Sein Bündnis mit sieben der Erzdämonen ist dem Namenlosen ein Dorn im Auge, denn eine dritte Partei, die gegen ihn um Einfluß wider die Zwölfe buhlt, bedeutet einen Verlust an Macht und Einfluß, einen nicht hinnehmbaren Verlust.

Und in den Augen Borbarads sind die Jünger des Namenlosen verlorenes Potential, solche, die sich in seinem Sinne wider die Zwölfe gekehrt haben, und die ihm doch nicht zueigen sind. Noch dazu solche, die ihm wahrhaft gefährlich werden können, fühlen sie sich doch weit weniger engen Moralvorstellungen verhaftet.

Legion sind die Kämpfe der beiden im Dämonenreich, um jene Gefolgschaft, die ihnen beiden zum endgültigen Sieg verhelfen sollen. Im Moment ist es der listenreiche Borbarad, der für den Augenblick zu obsiegen scheint, denn eindruckgebietend erscheint die Schar jener, die er in seine Fesseln zu schlagen vermochte.

Nicht zuletzt deswegen ist es unter den Dienern des Namenlosen höchste Gläubigenpflicht, zu vereiteln, daß es dem Gegner gelingen soll, mehr und mehr der siebten Sphäre an sich zu binden. Jede mißlungene Beschwörung, jede vereitelte Inkantation, jeder nicht geschlossene Pakt ist ein Sieg für die Rechtgläubigen. Für die Rechtgläubigen? In der Tat! Denn verhält es sich für die Anhänger der Zwölfe nicht ebenso? Und so mag sich mancher Zwölfgöttergläubige in den Schwarzen Landen mit einem Mal mit solchen gemein machen und mit ihnen – unwissentlich in den meisten Fällen – zusammen wider den streiten, den beide bekämpfen, wenngleich aus ganz anderer Motivation heraus.

Ebenso wie es einmal anders kommen mag, wenn sich das Blatt eines Tages wieder wenden wird und nicht länger Borbarad und seine Schergen, sondern der Gott ohne Namen und sein Gefolge die rechtgläubige Welt erschüttern.

Ob man sich solcher Bündnisse - wenn wissentlich geschlossen - enthalten sollte, muß ein jeder Gläubiger mit sich selbst ausmachen. Mit sich, seinem Gewissen und eingedenk dessen, was es zu gewinnen oder zu verlieren gilt.

Und was ist schon der Verlust der eigenen Seele gegen den von tausenden ...

Aus den Schriften der Elisandea von Punin, einer geächteten Hesindepriesterin, entnommen der Bibliothek von Al’Anfa

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