Vom Leben in Aventurien

Eine Quellensammlung von Thomas Muhle & Carsten Diekmann  (1994 bereits in einer Auflage von 150 Stück im Eigenverlag erschienen)

aktualisiert und bearbeitet von Michelle und Ragnar Schwefel (Thorwal Standard 11)

Von Schenken und Tavernen

Aus den Erzählungen des alten fahrenden Ritters Geraldt von Machulle:

”Ein gutes Gasthaus, mein Sohn, erkennst Du daran, daß es stolz eines Ritters Wappen trägt. Ein Garant dafür, daß einer unsres Gleichen hier wohl gespeist und getrunken hat. Zum Dank erlaub‘ auch Du dem Wirt, wenn Du zufrieden warst, Dein Banner an die Wand zu malen. Doch vergiß nie, immer wenn Du in der Nähe bist, erneut einzukehren, um zu sehen ob er sich Deiner Gunst weiterhin würdig erweist.

Hüte Dich vor all zu phantastisch anmutenden Wappen, könnten sie doch dem verdorbenem Einfallsreichtum des gierigen Wirtes entsprungen sein. Einem solchen Schenk verweigere Dein Banner; egal wie gut sein Essen mag.

Findest Du einmal keine Taverne, so schau Dich um. Hängt an der Tür eines Hauses ein grüner Kranz, so wurde hier gerade frisches Bier gebraut und jeder, der mit Travias Gruß durch die Tür tritt, darf kosten. Findest Du eine Schweinsblase so wurde gerade frisch geschlachtet und Du kannst wohlfeil gutes Fleisch erstehen.

Besonders sei Dir der Besuch eines Gasthauses geraten, wenn es unter der Hoheit von Mönchen und Nonnen (ja mein Sohn, auch die wissen ein gutes Bier zu schätzen) steht. Hier ist das Bier nie wäßrig, die Eichmarke korrekt und vor allem wurde nicht mit Würze gespart ...”

Helden, die ein Wappen führen, können sich wie oben beschrieben leicht ein warmes Mahl holen und statt Gold mit ihrem guten Namen bezahlen. Doch auch dem gewitzten Streuner bietet sich hier ein gutes Betätigungsfeld.

Dieser Brauch, der sich über das Mittelreich, das Bornland, Andergast und Nostria, das freie Aranien und das Liebliche Feld erstreckt, dient dem gewitzten Helden nicht nur um Geld zu sparen, sondern auch als Grundlage um an Informationen zu kommen. Kenner der lokalen politischen Gegebenheiten (Heraldik) könnenerkennen, ob der Wirt in der Gunst des örtlichen Regenten steht.

Allzu leichtfertig jedoch sollte niemand sein Wappen einem Wirt überlassen. In den höheren Kreisen mag man schnell in den Ruch kommen, seine Zeche nicht zahlen zu können oder für ein paar Kupfermünzen sein Ehrenschild zu verkaufen.

Auszüge aus dem Edikt zum Herbergswesen an Reichsstraßen:

„... Alle 15 Meilen hat sich eine Herberge zu befinden, welche folgendes vorzuweisen hat: Für die Küche: den Kamin und Feuer, Kochtöpfe, Bratpfannen und Spieße, für den Schankraum: Tische mit Bänken aus Holz oder Stein und für die Zimmer ein Holzeimer für die Notdurft. Ebenso einen Stall für mindestens drei Pferde und Schlafstellen für mindestens fünf Gäste ....Für die Einhaltung der Verordnung haben die Grafen Sorge zu tragen.... „

Da der Platz in den meisten Herbergen beschränkt ist und zum anderen ein Kamin in jedem Zimmer viel zu teuer wäre, ist es Brauch die Gäste in Mehrfachbetten unterzubringen. Die einkehrenden Reisenden müssen damit rechnen, ihr Bett mit mindestens einem Fremden zu teilen, meistens aber ist es an der Tagesordnung, daß sich drei bis fünf Leuten das Lager teilen müssen. In den nördlichen Regionen und da besonders im Winter, ist es sogar nicht unüblich, bis zu zehn Personen in einem Bett unterzubringen, dann versetzt, also fünf mit den Füßen am Kopfende, fünf am Fußende.

Der Körper eines anderen wärmt mindestens so gut wie ein offenes Feuer, Zimperlichkeiten und der Wunsch nach einem Bett für sich allein trifft eher auf Unverständnis, es sei denn, man habe es mit einer Person von hohem Stand zu tun. Wiewohl auch die in kalter Nacht das Lager nicht selten mit Hofdamen und Dienern teilen.

Es ist gute Sitte, nackt oder nur in einem Nachthemd zu schlafen, gelangt so der Straßendreck nicht in die Betten, die nur einmal wöchentlich neu bezogen werden. Wer darauf besteht, seine blutverkrustete Rüstung anzubehalten, muß damit rechnen, im Stall zu schlafen.

Ein Edikt regelt zudem, daß Herbergen und Tavernen auf ihren Schildern zu zeigen haben, von wem sie bevorzugt werden (was nur für Gaststätten fernab der Reichsstraßen gilt, denn dort kehrt ein jeder ein, wes´ Profession oder Stand auch immer). So steht das Rad. für Fuhrleute, der Rappen für Botenreiter und die Streitaxt für Zwerge oder Söldner. Diese Regelung soll den Reisenden davor bewahren, in eine für ihn wenig annehmliche Gaststätte einzukehren. Auch ist vom Kaiser befohlen, daß Wirte aus anderen Provinzen oder gar aus anderen Landen, dies an ihrem Namen kenntlich machen müssen. So deutet der Name ”Zum Bornbären”, eine besonders verruchte Kneipe in Trallop, auf eine von einem Norbarden betriebene Trapperschenke hin.

Tavernen und Herbergen entlang der Reichsstraßen werden von der kaiserlichen Verwaltung als Garant für den Handel angesehen. Deshalb stehen sie unter dem speziellen Schutz des Provinzherren. Kommt es dort zu Ärger, gleich welcher Art, greift auch schon mal die Garde des örtlichen Barons ein. Zechprellereien oder Sachbeschädigungen werden mit einer deftigen Geldstrafe und einer großzügigen Abfindung für der Wirt außerdem bei Gemeinen mit der Peitsche bestraft. Raub und Brandstiftung sind allerschwerste Vergehen und enden immer vor dem Scharfrichter.

Von Müllern, Totengräbern und andern anrüchigen Gestalten

Aus der Vorlesung seiner Spektabilität Ulmer Schorf, Dekan der neu gegründeten Hohen Schule für Handel und Eichwesen, einer Stiftung des Stoerrebrandkontors in Festum:

„Meine Damen und Herren, ich komme heute zu Euch, um von Leuten zu berichten, deren Umgang nicht nur Euren Ruf; sondern auch Euer Geschäft schädigen, ja in einigen Regionen sogar ihr Leib und Leben in Gefahr bringen kann.

Jeder von Euch kennt wohl den Nachtwächter Zaver, einen mißmutigen Burschen und dennoch ein Segen für unsere Stadt. Jeder von Euch wird seine Erfahrungen mit ihm gemacht haben, einige schlechte, einige schmerzhafte, eingen aber hat er auch schon den Kragen vor finsteren Buben gerettet. Niemand würde wohl in Abrede stellen, daß Zaver ein braver Mann und nützliches Mitglied unserer Gemeinschaft ist. Und niemand hegte wohl den Gedanken, daß der eigenwillige, aber durchaus gutmütige alte Zwerg ein unehrlicher Kerl ist, der mit Räubersleuten und Hexenweibern gemeinsame Sache macht.

Vielerorts allerdings besteht der Glaube, so in der Gegend von Nordmarken, dem Svellter Bund, Ouvenmas und an der Grenze zu Nostria und Andergast , daß, es mag paradox klingen, man einem Mann nicht traut, der für Ruhe und Ordnung in der Stadt sorgt. Aber diese beschränkten Menschen glauben, wer sich freiwillig nachts herumtreibt, kann nur ein Räuber oder eine Hexe sein oder einer ihrer Schergen. So haben es die Stadtväter schwer, eine ehrliche Haut für diese wichtige Aufgabe zu finden. Also seid besonnen, wenn Ihr in diesen Gegenden mit einem Nachtwächter ins Geschäft kommt oder auch nur mit ihm an einem Tisch sitzt, wird man euch doch gleich für einen Dieb oder Betrüger halten, gleich wie man es vom Umgang mit den Henkersknechten kennt.

Mit einem Nachtwächter sollte der Händler, der auf seinen Ruf bedacht ist, nur dann Handel treiben, wenn er im Begriff ist, die Stadt zu verlassen. Dann ist ihm aber für seine Ware, vor allem Alkoholika ein hoher Preis sicher, hat der Kavalier doch keine Gelegenheit seinen Sold anderweitig auszugeben.

Auch der Müller zählt, wie Ihr gewißlich schon vernommen habt, zu jenen, denen ein schlechter Ruch anhaftet. Dienstmann des Barons steht er per se außerhalb der dörflichen Gemeinschaft, er unterliegt allein Weisung und Gerichtsbarkeit des Landherren. Wiewohl der Dienst des Müllers wichtig für die dörfliche Gemeinschaft ist, mißtraut man ihm nicht selten, ob seiner Stellung. Allzuoft spielt ein Müller seine Macht offen aus, spitzelt für den Herrn und von vielen munkelt man, sie seien arge Betrüger, die gutes Mehl mit schlechtem Fegemehl oder gar Sand strecken oder falsche Gewichte benutzen. Das ergaunerte Mehl ist ihm ein schöner Zusatzerwerb, denn mancher Baron hält seine Müller knapp.

Mühlen befinden sich nicht selten abseits des Dorfes, an exponierter Stelle. Der Ruch der Gaunerei nährt auch die Gerüchte, daß Müller allenthalben Umgang mit räuberischem Gesindel pflegten. Mancherorts, so heißt es, fänden die Räuber sicheres Versteck bei dreisten Müllern.

Im Sewerischen glaubt man gar, daß Wind- und Wassergeister und Dämonen in den Mühlen hausten und dafür sorgten, daß der Mahlstein angetrieben werde. Der Müller aber, dem eine eigene Magie innewohne, paktiere mit diesen üblen Geistern, um sie in seinen Dienst zu zwingen. Einmal im Götterlauf, so heißt es, verlangten die Geister nach einem Opfer

Allenthalben einig ist man sich über den Schäfer, der einem ganz harmlos anmuten mag und dem dennoch große Heimtücke zu eigen sein soll. So heißt es, daß Schäfer so geschickt die beste Wolle aus einen Schaf reißen können, daß niemand etwas davon erfährt. Auch sagt man den Hirten nach, daß ihre eigenen Tiere, die sie mit den Schafen weiden, die ihnen anvertraut worden sind, nie krank werden oder verenden. Dies liegt daran, daß sie mit Kräuterfrauen im Bunde stehen, magische Wurzeln und Gräser bekommen, die sie nur ihren eigenen Schafen geben, aber allen anderen Tieren verwehren. Auch munkelt man daß einige Hirten wie Hexen über die Zauberkunst verfügten und fremdes Vieh aus anderen Herden mit Krankheiten schlügen um besser dazustehen. Auch soll man sich davor hüten, das Lager mit einem Schäfer zu teilen, stehen diese doch im Bunde mit allerlei Gesindel. So mancher Wanderer erwachte mit dem Messer am Hals.

....

Wer von Euch ist nicht schon dem Erbrechen nahe gewesen, wenn er ohne böse Vorahnung von der Hauptstraße in eine Seitengasse getreten ist und da rein zufällig auf einen Abdecker bei seiner Arbeit gestoßen ist. Ja diese Leute müssen hart im Nehmen sein, die Tierkadaver stinken erbärmlich, und man sollte durchaus ihre Arbeit würdigen indem man ihnen den Beitritt in die Gerberzunft gewährt. Doch nahezu überall wird mit ihnen schlecht umgesprungen. In vielen Städten müssen ihre Karren Glöckchen tragen, damit man sie von Weitem kommen hört. Auch müssen sie warten, wenn Bürger sich nicht schnell genug aus der Gasse entfernen können. Müssen sie aber zu lange dabei an einem Fleck verharren, können sie die Anwohner wegen Geruchsbelästigung belangen.

Der Abdecker darf er keine Taverne ohne vorherige Erlaubnis eines Wirtes betreten. Und Freunde kann der Abdecker höchstens unter anderen Verfemten finden. Da sich selten Lehrlinge für das Handwerk finden, verbleibt es nicht selten innerhalb der Familie, wie man es auch von den Henkern und Folterknechten kennt. In etlichen Städten ist es so denn auch üblich, daß dem Scharfrichter als Nebenerwerb die Abdeckerei zugesprochen wird.

Abdecker genießen ein anrüchiges Privileg: Ihm gehören alle Kadaver in der Stadt und im Umland. Erfährt er davon, daß einer eigenhändig ein totes Tier beseitigt hat, steckt am darauf folgenden Morgen das Messer der Schinders in der Haustür des Schuldners. Das aber ist ein schlimmer Schmach für Handwerker oder Kaufmann. Solange dieses Messer in seiner Tür steckt, wird kein anständiger Bürger mehr mit ihm Geschäfte machen wollen. Es bleibt nur der schmachvolle Weg zum Abdecker, um Abbitte zu leisten. Je nach Auftreten des Sünders, der Laune des Abdeckers und dem Wergeld, daß er als Abbitte geboten bekommt, wird das Messer innerhalb von Stunden oder auch Tagen aus der Tür gezogen. Verbleibt das Messer über einen Monat in der Tür, so muß die Familie die Stadt verlassen. Weist man aber im dem Abdecker böswillige Absichten nach, dann wird dieser unerbittlich gestäupt, gebrandmarkt und aus der Stadt getrieben. Wohl aber weiß msan darum, wie schwer es ist, Ersatz für dieses notwendige Gewerbe zu finden, und so sind die Richter meist zu seinen Gunsten voreingenommen. Darum meidet wo auch immer den Streit mit einem Schinder.

Eine düstere Profession übt der Totengräber aus. Doch schwankt seine Wertschätzung zwischen einem verehrten Laienprediger bis zu einem Unhold, je nachdem, wie man dem Gott der Toten begegnet, ob furchtsam oder voller Verehrung..So gibt es Regionen, wo man ihnen nachsagt, daß sie den Verstorbenen das Leichentuch rauben und sich an Grabbeigaben schadlos halten. In Lowangen und in Fasar heißt es, sie würden die Toten wieder ausgraben und an Schwarzmagier und ruchlose Anatome verkaufen. Auf Maraskan behauptet man, Totengräber würden Leichenteile in Brunnen werfen und dadurch üble Pestilenzen verbreiten, die sein Geschäft florieren lassen.

Dem Händler aber ist der Totengräber ein Quell des Wissens. Nicht an ein Schweigegelübde gebunden wie die Boronpriester, genießt er einen ähnlichen Einblick in die Familien, die er für ein paar Münzen preisgibt. Er weiß z.B. ob Witwen ihren Hausrat verkaufen müssen, ob ein Handwerksbetrieb seinen Meister verloren hat oder welcher Erbe sich einer reichen Hinterlassenschaft erfreut und damit gar nicht umzugehen weiß.

Doch habt acht, daß man euch nicht mit dem Totengräber sieht, um bösem Gerede aus dem Weg zu gehen.”

Brevier der Höflichkeit

In Rommilys ist vor einigen Jahren ein Brevier über die feinen Umgangsformen erschienen, daß weiland Freiherr Aldiran von Kalmbach, einem angesehenen Handelsherrn, für seinen Sohn Linory verfaßt hat. Längst ist dieser Schatz der guten Sitten nicht mehr allein den von Kalmbachs vorenthalten, die feine rommilyser Gesellschaft, bürgerlich wie adelig, findet Gefallen an den Aufzeichnungen des alten Herrn, kaum vermögen die Buchdrucker daS Werk in ausreichend hoher Stückzahl nachzudrucken. Selbst in Wehrheim und Perricum ist bereits eine Ausgabe der Benimmfiebel erschienen. Hier einige Auszüge:

„Solange du jung bist, träumst du davon einmal alle Schätze der Welt erlangen zu können. Sei es, daß du sie mit dem Herzen suchst, oder mit dem Verstand. Egal wie du es machst, du mußt zuerst das größte Hindernis überwinden, das sich einem stellen kann, den Menschen, der dir immer im Wege stehen wird, sei er dein Geldgeber, Geschäftspartner oder Delegierter, sei er dein Gegner oder ein Neider . Doch läßt sich dieses Hindernis, so vielgestaltig es sein macht, leichter überwinden, wenn du ihm mit Geschick und Charme begegnest. Dann werden aus Geldgebern loyale Vertraute und aus Feinden womöglich sogar Freunde. Was du dazu brauchst, ist ein Herz am rechten Fleck, eine Zunge, die ebenso scharf wie samten sein kann und einen Verstand, der darauf achtet, daß du nicht zur falschen Zeit, am falschen Ort etwas falsches sagst oder tust. Um dir ein wenig beizustehen , habe ich in eine kleine Handfibel des guten Benehmens für Dich geschrieben. Ich hoffe, sie hilft dir über die ersten Hindernisse, damit du dir nicht schon den Start verdirbst, bevor du eigene Erfahrungen machen konntest.

Es ist besonders wichtig für dich, mein Sohn, nach außen erkennen zu lassen, daß du aus einem guten Hause kommst und eine umfangreiche Bildung genossen hast. Es ist wichtig, daß Du verstehst, dich in der Gesellschaft zu bewegen, damit dir Privilegien zukommen, die dem einfachen Kaufmannssohn verwehrt bleiben. Nimm dir an deiner Urmuhme ein Beispiel, der es gelang, durch ihr überzeugendes Auftreten, gekoppelt mit präzisen Kenntnissen der Etikette, dem Haus von Kalmbach die Türen zum höchsten Adel zu öffnen.“

(....)

”Du mußt immer aufrecht stehen, auf beiden Beinen und vermeide es breitspurig zu stehen, das tun nur Prahler. Lehne dich nicht an Wände oder Möbel, sonst glaubt man noch, du hättest getrunken und brauchtest diese Stütze. Sitze aufrecht aber nicht steif, die Füße auf den Boden und nie auf den Tisch, du bist doch kein Knecht. Die Hände auf die Lehnen oder auf die Oberschenkel und vermeide das Kratzen am Schritt. Gehe aufrecht, die Ferse zuerst aufsetzen und über den Ballen abrollen, Schritt für Schritt. Die Arme bewegen sich im harmonischen Körperrhythmus. Blicke nicht nach unten, bist doch nicht häßlich, daß du dich verstecken mußtWenn du mit jemanden sprichst, schau ihn frei und offen an. Aber vermeide zugleich deinem Gegenüber allzu frank mit den Augen zu begegnen, willst du nicht hochmütig oder anmaßend erscheinen ....

Vermeide es, die jungen Mädchen anzustarren, bist doch kein Seemann. Starre auch nicht auf die Behinderungen von Bettlern und Veteranen, es sei denn sie weisen extra darauf hin. Spreche ruhig und deutlich und denke lieber einmal nach, bevor du dich um Kopf und Kragen redest. Lerne fleißig die Anreden in- und auswendig, daß du nachher nicht einenMagister als „Euer Gnaden“ und einen Baron als „Euer Hochwohlgeboren“ anredest ....

Achte auf Deine Kleidung, sie muß stets sauber und gepflegt sein. Laufe nicht in bunten, weiten Hosen wie die Dattelkauer es tun, und auch nicht in den engen Hosen, welche zudem noch im Schritt ausgepolstert sind, das tragen nur die Liebesknaben am kaiserlichen Hofe. Kleide dich weniger auffällig, als von guter Qualität. Ein paar Stiefel von einem tüchtigen Schuster halten 5 mal länger, als irgend welches neumodische Schnallenschuhwerk. Aber übertreibe nicht, die Reisestiefel haben bei Empfängen nichts zu suchen.

Wenn du zum Tanze gehst, trage nie grobes Schuhwerk, vermeide knallbunte Strümpfe und zeige nie nacktes Bein. Und trinke nur in Maßen, sonst könntest du noch ein Mädchen falsch verstehen, welches dir einen Tanz gewährt. Untersteh dich, es gar noch küssen zu wollen, wie ein trunkener Bauerntölpel .... Das gilt auch, wenn du dich fernab der Heimat befindest. Du willst dort Handel treiben, deshalb achte stets und ständig auf deinen guten Ruf, dann wird man dir gerne im Name Travias Obdach bieten und dir einen Handel anbieten.

Vermeide die Prahlerei, die weckt nur Neid und Argwohn. Sei es, daß ein Büttel sich bemüßigt fühlt, die Ladung deines Wagens besonders gründlich zu inspizieren, sei es, daß ein Schuft Zeuge deiner hochtrabenden Worte wird und dir am nächsten Hohlweg mit ein paar Gesellen auflauert.

Bleibe stets höflich, daß bringt dir den Respekt der anderen ein. Schweig stille, wenn es die Situation erfordert, aber sei auch kein Duckmäuser, sonst denken die Zöllner, sie könnten sich alles mit dir erlauben. Du gehörst einem achtbaren Stand an, laß dir das in Auftreten, Ausssehen und Taten stets anmerken.

Merke Dir auch das Einmaleins des Grüßens. Der Mann grüßt die Frau, der jüngere den Älteren, der Lehrling den Meister. Respektspersonen und Leute von Stand werden, außerhalb der Regelung immer erst von dir gegrüßt. Zwerge und Elfen stellen bei der Begrüßung eine Besonderheit dar. Sind sie doch fast immer älter als ihr menschliches Gegenüber und verdienen so schon durch ihre Erfahrung Respekt und Anerkennung. Kannst du einem Elfen getrost mit einem freundlichen Lächeln gegenübertreten, so verlangen die Zwerge die Einhaltung ihrer strengen Begrüßungsrituale. Aber auch Fremde hat man zu Grüßen. Beim Eintritt in eine Taverne oder bei einem Krämer stimmt ein „Travia zum Gruße“ immer gleich freundlicher. Doch schaue erst auf das Ladenschild, damit Du dir nicht den falschen Gruß auf die Zunge legst. Vermeide es tunlichst, wie die Thorwaler jedem ein „Swafnir zum Gruß“ aufzudrängen. Verbeuge dich bei vornehmen und einflußreichen Personen und stehe auf, wenn du eine Dame begrüßt und nimm endlich diesen, lächerlichen Federhut ab, mein Sohn ....

Der Handkuß, mein Sohn, war schon oft Anlaß für blutige Duelle. Merke dir, nur verheiratete Damen haben ein Anrecht darauf. Und wenn du so dumm warst, und hast in einer Gesellschaft einer erst einmal die Hand geküßt, so haben alle anderen anwesenden Damen auch ein Recht darauf. Der erste Kuß gebührt aber immer der Gastgeberin. Aber Achtung. Niemals eine Unverheiratete küssen. Ihr Versprochener könnte das als Anlaß für ein Duell sehen.

Wie man den Handkuß ausführt: Du neigst dich über die Hand der Dame und näherst dich mit deinen Lippen dem Handrücken, ohne ihn aber zu berühren. Deine Lippen sollen nicht gespreizt sein und mache nicht irgendwelche Geräusche und belecke den Rücken nicht wie ein Hund ....

Achte darauf, daß du immer eine Empfehlung mitgibst, wenn du dich von deinem Gesprächspartner trennst. Man sagt dann im allgemeinen, „Bitte empfehlt rnich Eurer ehrenwerten Frau Mutter / dem Gemahl usw.“. Aber bitte nicht an unverheiratete Mädchen oder noch schlimmer an frische Witwen, man könnte dies mißverstehen....

Noch wichtiger ist es, in der dir fremden Gesellschaft vorgestellt zu werden. Eine alte Hofweisheit sagt, wer nicht vorgestellt wird, existiert nicht („Ich wurde Vorgestellt, also bin ich“). Bitte einen guten Freund oder eine gute Freundin dich einzuführen oder wenigstens jemanden, der dort wohlbekannt und gelitten ist. Und ich bitte dich inständig, daß du ihm sagst, daß du einflußreiche und wichtige Persönlichkeiten kennen lernen möchtest und nicht nur die schönsten und anmutigsten Damen. Sollst du selber einmal jemanden vorstellen, gilt die gleiche Reihenfolge wie beim Grüßen.

Auf einer meiner Reisen bin ich einmal einer selbstbewußten, jungen Frau begegnet. Diese besaß die Kühnheit und stellte sich mir selber vor. Sie machte eine leichte Verbeugung vor mir nannte ihren Namen und verzichtete auf Rang und Titel. Nach einem angenehmen Gespräch stellte sich die junge Frau dann als fürstliche Hofmalerin vor. Wenn du also etwas vorzuweisen kannst, dann scheue dich nicht, dich selber vorzustellen, aber ohne Rang und Titel. Benutze einfach deinen guten Namen und füge Rang und Titel erst auf Nachfrage hinzu. Aber sei unter Adeligen vorsichtig m,it so viel Kühnheit. Mag man das in Almada schätzen, wollen die Weidener von solcher Keckheit nur wenig wissen. (....)

Solltest du einmal das G1ück haben zu einem Bankett geladen werden, dann beachte diese Verhaltensregeln: Es gibt stets Tafelmesser zum Essen, du brauchst also nicht deinen Dolch zu nehmen. Neben dem Messer gibt es am Hofe noch eine kleine Forke, Gabel genannt, die du in der Linken hältst, und mit der du Speisen beim Schneiden festhältst und die Stücke zum Munde führen kannst. Schmatzen, mein Sohn, ist gestattet, aber das Rülpsen und Pfurzen ist nicht mehr schicklich bei Tische, es sei denn, du bereistest den hohen Norden oder den Kosch. Da aber wird man es dir übelnehmen, wenn du es daran fehlen läßt! Wenn Dein Becher leer ist, warte bis man dir nachschenkt und beleidige nicht den Gastgeber, indem du ihn dazu aufforderst. Solltest du dir mit einem Tischnachbarn Schüssel und Becher teilen, dann achte darauf, daß du nicht zu gierig bist und dir die besten Stücke aus der Schüssel angelst. Tupfe dir den Mund ab, bevor du den Becher an die Lippen setzt und wähle eine andere Stelle als dein Tischgefährte. Auch ist es verpönt das Glas anzusetzen, bevor man nicht seinen Bissen hinuntergeschluckt hat. Um Lippen und Finger zu säubern gibt es Servietten und Fingerschälchen. Mach artig davon Gebrauch, soll man dich nicht einen Schmutzfink schelten. Und tue es nicht den Elfen gleich, die gar zu gerne das Citronenwasser in den Fingerschälchen trinken ... Vor allem in Weiden ist es noch immer Sitte, die Hände am Tischtuch abzuwischen und sich gar hineinzuschneuzen. Heißt es auch, daß man die Sitten des Gastgebers zu achten hat, so will ich dir doch anempfehlen, statt dessen lieber Gebrauch von deinem Schnupftuch zu machen, das du stets im Ärmel tragen solltest.Damen, die ihr Tuch fallen lassen, die dir heimliche Botschaften mit ihrem Fächer zufächeln, denen der Sinn nach romantischen Gesänge unter ihrem Balkon, nach Liebesreimen oder gar heimlichen Treffen steht, überlasse denen, die den Tag für nichts besseres nutzen, den Höflingen und Maulhelden (....)

Besuchst du einmal in Begleitung eine Taverne oder Herberge, wie das auf Reisen denn wohl so seien mag, so betritt im Süden ein Mann und unter mehreren Männern der Größte zuerst den Schankraum, muß man doch mit derbem Volk rechnen, daß sich nur zum Spaß rauft und Zoten reißt, die nicht für das feine Ohr bestimmt sind ...

Vermeide es den ritterlichen Idealen nachzueifern, denn für dich sind sie nicht bestimmt. Schlage ruhig ein Duell aus, entschuldige Dich lieber, verlasse die Gesellschaft und am besten gleich die Stadt. Es ist besser, mein Sohn, feige und lebendig zu sein, als ruhmreich in den Tod zu gehen...”

Bäuerlicher Aberglaube

Mit den folgenden Beispielen wollen wir sowohl Meister als auch Spieler dazu anregen, die Welt des Aberglaubens in Aventurien um eine Vielzahl individueller, phantasiereicher und bisweilen skurriler Sitten zu erweitern. Und wenn ein Held einem originellen Irrglauben nachhängt, gelingt es ihn zu mehr zu machen als zueiner farblosen Zahlenansammlung, zu einer bunten, faszinierenden Persönlichkeit, dessen Handlungen nicht nur seinen Spieler, sondern auch den Zuschauer (Meister und Mitspieler) amüsieren. Auch kann solch ein Aberglaube Aufhänger für ein ereignisreiches Abenteuer sein.

”Bauernschläue warnt vor Donnernesseln, sind diese doch blitzanziehend.”

Wenn einem Mann die Liebe zu Kopf steigt, so soll er bei Sonnenaufgang zur Nessel gehen, diese mit kostbarem Salz besprengen und dreimal den Namen seiner Holden rufen. Kurz vor Sonnenuntergang soll er dann die Nessel mit samt der Wurzel herausziehen und mit Öl, Amel und Ingrimmskraut in die Glut legen. Sodann muß er die Worte sprechen: ”Ich beschwöre euch, ihr Geister: Wie die Nessel hier brennt, so soll auch das Herz meiner Liebsten nach mir brennen.“

Im tiefen Bornland glaubt man, daß dort, wo Brennesseln stehen, sich der Eingang zu den Höhlen der Erdmännchen befindet. Sie sind klein und häßlich von Gestalt und ihr Körper ist ganz behaart. Sie tragen Tarnkappen, welche sie unsichtbar machen. Guten Menschen jedoch zeigen sie sich manchmal. Dann fallen einem sofort die drei goldenen Haare auf: Sehr guten und frommen Menschen so heißt es, schenken sie ein solches Haar, mit dem man Steine in Gold verwandeln kann.

Bei den Nivesen wird seit alters her überliefert, daß die Brennessel die Kraft hat, bösen Zauber fernzuhalten. In den nördlichen Steppen glaubt man gar, die Brennessel sei Sitz von Dämonen und immer wenn ein Mensch vom kalten Fieber hin und her geschüttelt wird, muß einer Morgens und Abends zu der am nächst gelegenen Nessel gehen, und die Worte sprechen, „Guten Morgen/Abend liebe Alte, ich bringe das Heiße und das Kalte, mir soll es vergehen und du sollst es wiederbekommen.“

Ein weiser Elf hat einmal gesagt: ,,Wenn die Menschen um die Heilkraft der Brennessel wüßten, so würden sie nichts anderes mehr anbauen.“

Im Mittelreich, besonders in der Gegend von Trallopp, pflanzt man eine Esche neben das Haus, in der Hoffnung, daß sie die bösen Geister fern hält. Neugeborenen schenkt man gerne Eschenzweige, die über der Wiege aufgehängt werden und die böse Magie fernhalten. Die Bauern sagen, daß Hexen und Druiden die Bäume ob ihrer Wirkung hassen und sie quälen. Deshalb seien die Äste der Eschen auch so verwachsen.

Im ganzen Mittelreich gilt das vierblättrige Phexblatt als G1ücksbringer. Aber auch ganz bestimmte Wünsche lassen sich erfüllen. Wenn ein Mädchen einen Mann liebt und dieser von ihr nichts wissen will, so muß diese nur ein vierblättriges Phexblatt in seine Schuhe legen und der Mann wird nur noch Augen für sie haben. Ist ein Mädchen im heiratsfähigen Alter und keiner will sie haben, so muß die Mutter ein vierblättriges Phexblatt über den Eingang hängen, und der erste Mann der durch die Tür schreitet, wird sie heiraten.

Im Bornland heißt es, wenn man gar ein fünfblättriges Phexblatt findet, so soll man es sich in den Stiefel stechen. Alsdann erkennt man jede Hexe, die mit einem spricht.

Häuser ohne Glanz

Wer kennt sie nicht, die Städte Aventuriens, in denen das Leben pulsiert, und deren Glanz und Glimmer weit über ihre Stadtmauern hinaus Fremde und Belagerer anzieht. Doch ist nicht alles heiter Sonnenschein in ihnen. Da gibt es die finsteren Viertel, in denen man nachts um sein Leben bangen muß (nicht um sein Geld, das ist sowieso weg), die Bordelle und Spielhöllen, in denen man Hab, Gut und Seele verlieren kann, und die Hafengassen, in denen man nur allzu leicht neue Arbeit findet (auf Schiffen, von denen man vorher nie geglaubt hatte, daß sie schwimmen).

Doch es gibt noch mehr Orte in den großen Metropolen, die einen unbedarften Bürger das Grauen lehren.

Brief des Traviapriesters Trollhag Schattenlicht an seine Frau:

”Ein gar düsteres Quartier ist das Armenhaus. Hier in Gareth gibt es mannigfache dieser Institutionen, die Elenden zu beherbergen. Jedermann fürchtet sich davor, in diesen üblen Häusern sein Leben fristen zu müssen. Doch gibt es in Gareth der Bettler so viele, daß man ihrer anders nicht mehr Herr zu werdeb glaubt, als sie in diese Häuser zu verbannen. Die armen Wichte liegen auf stinkigem Stroh, viele schütteln sich in Fieberkrämpfen. Es wird berichtet, daß schon mancher des Nachts sein Ohr an Ratten verloren hat. Die Notdurft können die von Hunger geschwächten Leiber nicht mehr draußen verrichten, sondern beschmutzen ihre eigenen Lager. Der Gestank in diesen Räumen, in denen nicht selten 12 Personen auf engstem Raum liegen, ist nicht auszuhalten.

Und dennoch, die, die hier nicht leben müssen, empfpinden diese Häuser doch als Segen. Denn dem Reichen gefällt es kaum, der Armut auf Schritt und Tritt zu begegnen, und obwohl uns doch Travia etwas anderes lehrt, teilt er sein Geld nur ungern mit den Elenden. Aber es sind derer auch zu viele um alle Mäuler zur Zufriedenheit zu stopfen und so rotten sich die Armen in Banden zusammen, sich mit Gewalt zu nehmen, was ihnen in Gnade nicht gegeben wird. Ist es da ein Wunder, wenn die Bürger nach Schutz rufen?"

Nachricht der Tannenbauer Magd an ihren Bauern aus dem Frauenhaus:

„Du Schwein. Erst hängst Du mir ein Kind an und dann verstößt Du mich auch noch. Wegen Dir mußte ich vor Gericht und wurde zum Spießrutenlauf verurteilt. Auch wenn ich nach der Hälfte des Weges beinahe nicht mehr gehen konnte vor Schmerzen, so habe ich habe genau gesehen, daß Du auch noch die Leute angefeuert hast, mich nur hjeftig zu stäupen. Jetzt sitze ich hier im Frauenhaus, und sei sicher, daß es keine Gnade ist. Hier müssen wir hart arbeiten, doch daß bin ich ja noch von Dir gewohnt. Hier wird auch gestohlen und geschlagen. Mit meinen 15 Jahren kann ich mich nicht wehren, und so muß ich zur täglichen Arbeit auch noch die alten Frauen bewirten. Im Sommer wird mein Kind geboren, die Hebamme sagt, sogar im Rondra, und ich hoffe, daß es ein starker Sohn oder eine zähe Tochter wird, die mich eines Tages rächen kann, wenn ich von meinen Leiden erlöst wurde, denn alt, so habe ich gehört wird man hier nicht.“

“Wohl ist es wahr, daß die wenigsten sich glücklich schätzen, wenn das Gericht sie in ein Frauenhaus verweist. Vom Schicksal schwer gebeutelt, mit einem Kind gesegnet, daß sie sich nicht gewünscht haben, klagen die meisten über ihr böses Schicksal. Auch entspricht es wohl der Wahrheit, daß allzuoft die Leiter eines solchen Hauses die Mädchen zu liederlicher Arbeit zwingen. Offen gesprochen, was anderes bleibt den einmal Verstoßenen und Verurteilten auch noch? Und doch sind diese Häuser nicht ohne Nutzen, denn sie geben denen, die man von Haus und Hof verjagt hat ein Obdach und Auskommen. Viele Mädchen wären unfraglich in der Gosse gelandet und elendiglich zugrunde gegangen oder hätten womöglich ihren Neugeborenen etwas angetan. Und nicht in allen Häsuern dieser Art herrschen so düstere Zustände wie oben erwähnt. Insbesondere der Orden der heiligen Traviane bemüht sich darum, diese Häuser zu Zufluchtsorten zu machen, die den unglücklichen Mädchen ein Obdach bietet und dafür sorgt, daß sie einem anständigen Broterwerb nachgehen und ihre Kinder unter dem Segen der Kirche großziehen können.”

Brief des Traviageweihten Trautlieb an seinen Hohen Vater:

„Gar schrecklich war mein Besuch im Waisenhaus von Gareth. Zu viele Kinder müssen sich hier erbärmlich wenig Platz und Essen teilen. Es herrscht das Faustrecht, und anstatt zu spielen, kämpft hier jeder gegen jeden. Kinder, die das 14. Lebensjahr erreicht haben, werden ohne Umschweife hinausgeworfen, um Platz zu schaffen, für die neuen Waisen die täglich vor dem Portal aufgefunden werden. Auch werden krumme Geschäfte mit den wehrlosen Bälgern getrieben und so mancher von ihnen landet für einige Dukaten in den Bergwerken.”

Notiz der Praiosgeweihten Alwinja Greifenschwinge:

“Gut ist es, daß sich der Stadtrat endlich dazu durchringen konnte, das Haus der Witwe Symmler zu einem Waisenhaus umzuwidmen. Damit kommen die Ärmsten der Armen endlich von der Straße, finden Obdach, Brot und Unterweisung und lungern nicht länger auf der Straße herum, um zu dieben und zu mausen.”

Tagebucheintrag des Medicus Zachrias Falmor aus Festum:

„Oh weh, oh weh. Hier soll ich meine Arbeit aufnehmen. Schon lange bevor, ich das Noionitenhaus sah, hörte ich die Schreie und Wehklagen der Wahnsinnigen. Im Inneren bot sich mir ein Anblick, wie ich ihn mir in meinen schlimmsten Alpträumen nicht ausgemalt habe. Gefesselt lagen die Elenden auf der Erde und wimmerten oder liefen angekettet pausenlos auf und ab. Einige saßen nur stumm in der Ecke, während andere ihnen die Haare ausrissen Die Pfleger, wenn man sie so überhaupt nennen darf; scheren sich einen Dreck um Sauberkeit und Ordnung. Nur der, dessen Angehörige die Wärter gut bezahlen, wird angemessen versorgt und bekommt frisches Stroh in seine Zelle.

Als ich mich in einer Taverne nach den Weg erkundigte, kamen mir Gerüchte zu Ohren, die ich nach den ersten Anblick nun nicht länger für unwahrscheinlich halte. So sollen einige Familien, auch Adelige, unbequeme Angehörige ins diese Häuser abschieben. Wer dabei genügend Gold den Wärtern zusteckt, kann sicher sein, diese nie wiederzusehen. Auch ich habe dieses Faustrecht schon zu spüren bekommen, als man mir sagte, daß ich nicht der erste Arzt wäre, der selber verrückt geworden sei. Ich glaube, ich werde mich flugs nach einer neuen Stelle umsehen.“

Nicht überall bieten sich den Helden solch düstere Begegnungen, insbesondere die Kirchen von Travia, Peraine und Boron sind darum bemüht, das Schicksal all jener Elenden, der Armen und Geschändeten, der Waisen und der Wirren zum besten zu führen. Doch wo es an Mitleid und Verständnis für diese armen Kreaturen mangelt, wo es am nötigen Geld gebricht, angemessene Häuser zu errichten oder wo man der Überzeugung ist, daß es so wie es ist richtig sei, wird man auf solche Stätten treffen. Und, man sollte stets bedenken, es wäre für die, die hinter diesen Mauern ihr Dasein fristen, nicht zwangsläufig besser, wenn es diese Anstalten nicht mehr gäbe: Wie die Praiosgeweihte richtig anmerkt, würde ein Fehlen solcher Häuser noch größeres Elend und Unmut hervorrufen. Alle vier Anstalten bieten sich an, sie in ein passendes Szenario einzubinden. Doch dient die Beschreibung auch einem anderen Zweck: So sollen die Helden getrost einmal daran denken, was ihren oft unschuldigen Opfern widerfährt, mit denen sie zusammengetroffen sind. Schon für die Helden (Spieler) unbedeutende Ereignisse genügen, um ganze Existenzen an den Ruin zu bringen.

Eine kleine Geschichte:

Eines Abends kamen ein paar Abenteurer und ließen sich bei einem gastfreundlichen Bauern nieder. Doch der Thorwaler soff den Keller leer, der Streuner klaute der Familie die Ersparnisse, der Zwerg schlachtete einfach ein Schaf, um sich die Wampe voll zu hauen, der Norbarde tauschte die Kuh und das Schwein des Bauern gegen wertlosen Plunder, die er mir einer rührenden Geschichte umschmückt hatte und der Söldner machte sich an die Tochter des Hauses heran und schlug den Bauern und seinen Sohn, als diese dem Mädchen zu Hilfe eilen wollten, so heftig, daß diese vier Wochen nicht mehr arbeiten konnten.

Als der Trupp wieder abzog, war der Bauer ohne Vieh, ohne Geld und ohne Vorräte, dafür hatte er jetzt ein gebrochenen Arm, eine geschwängerte Tochter und einen zahnlosen Sohn.

Dabei hatte der Bauer noch G1ück, den es kommt auch vor, daß ein Amateurzauberer die Scheune in Brand steckt, oder die Bäuerin in ein Schwein verwandelt.

Der Vater endete im Armenhaus, die Mutter bekam einen Nervenzusammenbruch und kam ins Irrenhaus. Die Tochter fristete ihr junges Leben im Frauenhaus und der Sohn kam erst ins Waisenhaus, wurde dann an Söldner als Waffenknecht verkauft und endete schließlich als Abenteurer, der nichts dazugelernt hat.

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