Die Insel Gandar

„Die meisten Aventurier betrachten Thorwal als von Hesindes Gaben verlassen. Sie würden ihre Einschätzung aber sicher noch einmal überdenken, wenn sie sähen, was sich auf den nördlichen Olportsteinen abspielt. [...] Die Menschen hausen hier in kleinen Holzhütten. Sie leben von dem Wenigen, was ihnen das karge Land und die Fischerei hergeben. Kaum jemand kann überhaupt seinen Namen schreiben. Einzig die Skalden, von denen es ein paar gibt, wissen, ihr Liedgut notdürftig zu Papier zu bringen. [...] Die größte Insel dieser Kette ist Gandar. Und auf Gandar liegt auch die einzige größere Stadt der Region: Goldshjolmr - die Stadt der Piraten und Friedlosen. Damit ist die Bevölkerung dieses Nestes schon recht gut beschrieben. Bei einem Rundgang durch die Stadt wurden meine Begleiter und ich von mehreren zwielichtigen Subjekten angepöbelt; allein unser diplomatisches Geschick verhinderte Schlimmeres. [...] Der Hafen ist geprägt von schmierigen Kaschemmen und Seelenverkäufern, auf denen die Fischer jeden Tag versuchen, der See ein paar Fische abzugewinnen; sicherlich eher heute als morgen zum letzten Mal. Mehrmals habe ich mitbekommen, daß ein Fischer auf die See hinausgefahren ist - um nicht mehr zurückzukehren. [...] In einer dieser üblen Spelunken saßen - von der unser Führer uns versicherte, das es das beste Haus am Platze sei -heruntergekommene Seeleute mit Augenklappen, die offen irgendwelche Raubzüge planten, vermummte Spieler, die beim Boltan den armen Fischern den letzten Heller aus der Tasche zogen und andere Szenen, die meinen Magen ziemlich unruhig werden ließen. Eins wurde mir klar: Goldshjolmr ist das Zentrum der Gesetzlosen. Hier kommen alle Vogelfreien Thorwals, die von ihren Sippen ausgestoßen wurden, zusammen, um das zu machen, was sie wollen: Unfrieden stiften. [...]“

- Lingard Jandasdottir, ad. Min. der Halle des Windes zu Olport - aus ihrem Bericht für ihre Akademie über ihre Reise durch die Inselwelt Nordthorwals, Peraine 29 Hal.

Diese Zeilen machen deutlich, wie es auf Gandar, Sorkten, Dirad und den anderen Inseln zugeht. Hier wohnen vor allem die Unzufriedenen, die Götter- und Gesetzlosen, die glauben, Regeln beschneiden ihre persönliche Freiheit. Und sie meinen, hier ihre Freiheit gefunden zu haben. Die Insel beherbergt gut 4000 dieser Individuen, Tendenz steigend, wegen Trondes Einigungspolitik . Gut ein Drittel davon wohnt in der einzigen Stadt Goldshjolmr. Offiziell regiert hier Hetmann Raskir Asleifson von Gandar, aber faktisch macht jeder, was ihm selbst gefällt. Recht und Ordnung werden hier recht klein geschrieben, sofern man überhaupt schreiben kann, denn Gesetze machen unfrei. Seitdem Olgerda Olvarnsdottir, Hetfrau der Sturmalken-Otta offen gegen Raskir rebellierte, ist die "Jarlin von Gandar" faktisch die Herrin von Gandard. Die Verbannten, die als Einzelgänger oder höchstens einmal von ihren in Treue verbundenen Verwandten begleitet, abgeschieden auf der Insel ausharren, vom Fischfang, der Jagd oder Landwirtschaft leben, brauchen auch keine Gesetze. Sie halten sich an das, was sie für richtig halten. Ab und zu reisen sie in die Stadt, um dort ihre Waren gegen etwas Geld oder andere Waren einzutauschen. Und dort sieht es ganz anders aus:

Die Stadt Goldshjolmr

„Wer sie gesehen hat, diese Stadt, in der das Chaos regiert, wo keiner die Kontrolle hat, der wird die rauhe thorwalsche Art weiter südlich als Zärtlichkeit ansehen. Ein Wunder, daß es hier noch nicht zu größeren blutigen Zusammenstößen gekommen ist.“

- Estorik Akison, Kapitän der „Efferdstolz“, Praios 27 Hal

Vom Meer her sieht Goldshjolmr wie ein verträumtes Fischerdorf aus. Geprägt von Langhäusern und Holzhütten ist das Bild der Stadt, im Hafen liegen einige Ottas und Fischerboote. Doch wenn man sich mit dem Schiff nähert, sieht man bald ein anderes Bild: die Kähne sind marode und muschelbesetzt, die Häuser halb verfallen und armselig. im Hafen wimmelt es von heruntergekommenen Matrosen, die sich hier treffen, um anschließend in einer Kneipe oder Tätowierstube zu verschwinden. Fremde Reisende werden bestenfalls ignoriert oder mißtrauisch beäugt, meistens aber mit einer abfälligen Bemerkung begrüßt, wenn ihnen nicht noch Unangenehmeres blüht.

Goldshjolmr hat mehrere Spelunken der unteren Kategorie, die sich fast ausschließlich in Hafennähe befinden. Gasthäuser gibt es hier keine, denn Reisende verirren sich selten hierher - aus gutem Grund. Tempel gibt es keine, einzig ein kleiner Swafnirschrein steht in der Nähe des Hafens; allerdings wird er des öfteren geplündert, was die Geweihtenschaft in Olport sehr verärgert, sich aber nicht ändern läßt.

Betritt man eine der Kaschemmen, dann bietet sich ein noch traurigerer Bild als von draußen: Tische und Stühle sind ramponiert und notdürftig geflickt. Kein Krug, der nicht gesprungen oder angeschlagen wäre. Man muß stets damit rechnen, daß der Stuhl unter einem zusammenbricht, man sich an einer Scherbe schneidet oder zwischen zwei wütende Thorwaler gerät, die sich mit ihren Krügen die Schädel einschlagen wollen. In den Ecken stapeln sich die Trümmer vom Vortag. Und selten gehen Raufereien so versöhnlich aus, wie man es Thorwal sonst kennt. Oftmals zeigt sich bittere Rivalität in den Kämpfen: die Menschen haben viel erlebt und viel verloren, und sie versuchen, das letzte bißchen, was ihnen geblieben ist, zu bewahren. So ist es eine Zwangsläufigkeit, daß rivalisierende Piratenbanden sich blutig bekämpfen. Friedfertige Bewohner - auch die soll es auf der Insel geben - halten sich deshalb vom Hafenviertel fern.

„Einer stand auf und zertrümmerte seinen Krug auf dem Tisch, daß die Splitter flogen. Der andere schlug seinen Stuhl entzwei. Langsam gingen sie aufeinander zu, und niemand wagte es, sich einzumischen. Die Spannung war schier unerträglich, und am Tisch gegenüber wurden Wetten abgeschlossen, wer denn den ersten Schlag austeilen würde. Die folgende läßt sich einfach beschreiben: die beiden schlugen so lange aufeinander ein, bis sie blutüberströmt auf dem Boden liegenblieben und niemand ihnen mehr Beachtung schenkte...“

- Swafnild Egilsdotter, Swafnirgeweihte aus Olport

Im Süden der Stadt steht das Ottaskin der Sturmvögel. Hier leben all jene Einwohner Goldshjolmrs, denen Götter und Gesetz noch etwas gelten und die Schutz und Ordnung in einer traditionellen thorwalschen Schiffsgemeinschaft suchen.

Hetmann Raskir Asleifson, nominell Oberhaupt der gesamten Insel, versucht mit aller Macht, den Zusammenhalt seiner Ottajasko angesichts der chaotischen Verhältnisse zu bewahren. Das fällt ihm in letzter Zeit leichter: Immer mehr Gegner von Trondes Politik lassen sich auf den Steinen nieder, um hier in Ruhe ihrer traditionellen Lebensweise zu folgen. Die Verwegensten von ihnen schließen sich sogar den Piraten an, um mit ihrer Unterstützung dem Obersten Hetmann zu trotzen und seine Pläne zu durchkreuzen. Der weitaus größere Teil aber ersucht um Aufnahme in der Ottajasko.

Außerdem gibt es solche, die sich weder den Piraten noch der Ottajasko verschworen haben, Menschen, die aus verschiedensten Gründen ihre alte Gemeinschaft verlassen haben und keine Neigung zeigen, sich eine neue zu suchen. Sie leben allein oder mit ihrer Familie in den Langhäusern und Holzhütten der Stadt. Auch sie meiden das Hafenviertel und versuchen, sich nach den vom Hetmann festgesetzten Regeln zu richten. Eine hoheitliche Macht, die über die Einhaltung der Weisungen des Hetmanns wacht, gibt es nicht. So passiert es nicht selten, daß Menschen von den Piraten „zu ihrer Freiheit gezwungen werden“.

Seit Trondes Angriff auf Daspota sind die Piraten wieder lauter geworden und lassen die Säbel rasseln. An einem streckte Olgerda Olvarnasdottir dem Hetmann ihren nackten Hintern entgegen und sagte sie scheiße auf das was er sage. Ihre Gefolgschaft tat es ihr nach und seit diesem Tag übernahm sie faktisch die Herrschaft. Raskir blieb nur die, sich mit den Resten seiner Anhängerschaft in sein Ottaskin zurückzuziehen. In Thorwal scheint man sich für die Vorgänge auf Gandard aber wenig zu interessieren: Die Insel ist weit weg, und wollte man das Piratennest ausräuchern, würde das ein unbotmäßig hohes Blutgeld kosten.

Der Markt von Goldshjolmr, der jeden Mittmond abgehalten wird, dient dem allgemeinen Warenaustausch aller Bewohner der Insel. Nur wenige Händler aus anderen Regionen kommen hierher, um ihre Waren anzubieten. Nur ganz verwegene und Übelgelichter, nicht besser als die Piraten, nehmen dies Wagnis auf sich. Und mit Klingen, Brannt und ähnliches läßt sich guter Profit machen - wenn man ihn nur heil nach Hause tragen kann.

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