Reisen in Darpatien, 2. Teil

Ochsenwasser und Darpat, ein Reisebericht

„...In Ochsenried bestieg ich am frühen Morgen ein kleines Fährschiff, daß mich über das Ochsenwasser nach Rommilys bringen sollte. Wohl gab es noch andere Möglichkeiten des Weiterkommens, so die Dammstraße am Westufer des Sees über Seeheim, Schwanen, Fischerdorf oder die befestige Hauptstraße über Zabel, Zwerch, Deilinden und Ebnet, die mich weiter ins Landesinnere gebracht hätte, aber dies ist die schnellste Methode, um nach Perricum zu gelangen.

Das Ochsenwasser ist die Baernfarnebene eingebettet, die nur wenige Meilen vom Westufer entfernt in sanften Hügeln ausläuft. Doch sogar von hier kann ich die Trollzacken erkennen, welche am Ostufer des Sees aufragen und in denen nun die tapferen Darpatier gegen den Bethanier kämpfen. Gespeist wird der See durch den Dergel und einigen anderen, kleinen Bächen, die von Osten aus dem Gebirge kommen.

Die Reise auf der „Ochstan“ ist sehr ruhig, trotz der unruhigen Zeiten. Wir fahren zuerst in östlicher Richtung, dabei erzählt mir ein Maat eine Sage über den Riesen Ochstan. Selbiger nämlich habe auf der Suche nach Schätzen eine gewaltige Grube ausgehoben, die Herr Efferd über der Nacht durch einen gewaltigen Regen füllen ließ, so daß der Riese, der auf dem Grund der Grube sich zum Schlafen niedergelegt hatte, von den Fluten gefangen ward. Es gibt auch noch manch andere Sage, doch dies ist diejenige, die am meisten Verbreitung gefunden hat, und die Anlaß ist für das Ochstansfest am 1. Efferd, begangen in allen Orten rund um den See. Dabei werden kleine Opfergaben dem See übergeben, zum Dank, daß Efferd den Riesen unter Wasser gefangenhält.

Bald legen wir in Seeheim an, um Waren an Land zu setzen und einige Passagiere aussteigen zu lassen. Dann geht es weiter auf die andere Seite, nach Rabenstein, der Burg des Vogts von Dettenhofen. Die Trutzburg liegt drohend über der nördlichsten Insel an der Ostküste des Sees, Hütten leibeigener Fischer bilden ein kleines Dorf. Auch hier machen wir Station und entladen Kisten, die hoch zur Burg geschleppt werden. Niemand will mir sagen, was darin ist, aber nachdem ich auf dem Rock eines Büttels den Rabenmund-Raben erkannt habe, zeige ich mich auch nicht mehr so neugierig. Immerhin kann ich mit einem Fischer reden, der mir davon klagt, daß die Dörfler immer noch mit den Folgen der letzten Überschwemmung kämpfen, die, wie jedes Jahr, weite Flächen auf allen Seiten des Sees überspült hat.

Doch das Schiffshorn tönt, es geht weiter, denn bis zur Nacht sollen die Ochsenwasserfälle erreicht werden. Das Schiff gleitet an der Inseln Suderdun (eine kleine unbewohnte Sandbank), Efferdsdank (ein kleines Eiland mit drei Fischerfamilien, aber ein ehemals beliebtes Ausflugsziel von gelangweilten Rommilysern) und Efferdsgroll (eine schroffe, abweisende Insel, auf der Ungeheuer wohnen sollen) vorbei. Nun aber machen wir einen Schwenk gen Südwesten. In der Ferne kann ich eine weitere Insel entdecken. Als ich den Kapitän nach dem Grund des Kurswechsels frage, erklärt er mir, daß dies Galottas Insel sei, auf der Kalecken und andere Ungeheuer leben sollen. Kein vernünftiger Mensch traue sich dorthin und es sei verboten, auf die Insel überzusetzen. Aber es gäbe immer wieder Abenteurer, die meinten, die Residenz des ehemaligen Hofmagiers nach magischen Schätzen untersuchen zu müssen. Selbst der Beobachtungsturm, welcher auf dem Festland die Einhaltung dieses Verbotes dient, scheint dabei nicht abzuschrecken.

Ich habe deswegen Zeit, mir die Ufer anzusehen. Ein Händler aus Zwerch erzählt mir, daß die Region einstmals von weitläufigen Sümpfen und Mooren umgeben war, die durch harte Arbeit vieler Generationen trockengelegt und in fruchtbare Äcker und saftige Weiden verwandelt wurden. Einzig in der Region von Zwerch und am südwestlichen Ufer des Ochsenwassers findet man noch von flachen Seen durchzogene Moore. Abgelenkt werde ich von einer kleinen Flottille von Fischerbooten, die aus den verschiedenen Baronien um den See kommen. Dabei meine ich auch zu sehen, daß einige Fischer Kisten von Boot zu Boot hieven, aber da es langsam dunkel wird, bin ich mir nicht sicher. Und was sollte hier draußen auch schon geschmuggelt werden...

Derweil höre ich fernes Brausen, das immer lauter wird. Die Ochsenwasserfälle, wie mir der Händler erklärt, heilige Stätte des Efferd. Mehrere Dutzend Schritt fällt hier das Wasser lotwärts in einen kleineren See, Ursprungsquelle des Darpats. Die Waren werden an einer kleinen Anlegestelle etwa eine halbe Meile vom Wasserfall entfernt vom Schiff auf Ochsenkarren geladen, die auf einer Serpentinenstraße den Höhenunterschied überbrücken. Hier stehen auch merkwürdige Türme mit eisernen „Armen“, die sich hin und dann in verschiedene Positionen bewegen. Wie ich erfahre sind dies Semaphoren, wie sie auch im Horas-Reiche stehen. Fürstin Irmegunde erkannte ihren Nutzen und ließ ebenfalls eine Kette bauen, die nun die Ogerklamm mit Rommilys verbindet. Eigentlich sollte sie noch verlängert werden, nach Altzoll und noch weiter hinaus, doch dies ist ein ferner Traum.

Am Ufer des unteren Sees findet sich das Dorf Neuschwanen, welches erst vor 50 Jahren gegründet wurde. Über dem Dorf prangt ein Lustschloß der Fürstin, was den Ort schnell wachsen ließ und heute nicht nur Dienerschaft, sondern auch Bauernfamilien und einigen unfreien Muschelfischern ein Auskommen bietet. Hier werden die Waren wieder auf ein Schiff geladen und die Reise geht weiter gen Rommilys, welches nur wenig Meilen entfernt liegt. Dabei kann ich noch einen Blick auf das Efferdkloster Tsafluten werfen, welches schon in der Baronie Neuborn liegt. Zwei Dutzend Geweihte und Laien versuchen, im Brausen des Wassers die Stimme ihres Gottes zu vernehmen. Das Kloster ist recht wohlhabend, kann es sich doch der Spenden der Fischer und Flußschiffer des Darpats sicher sein.

Weiter geht die Reise nach Süden, am Dorf Darpadingen vorbei bis Rommilys, in dessen Hafenviertel wir anlegen und wo ich in einem nahen Gasthaus die Nacht verbringe. Am nächsten Tag geht es weiter, diesmal nehme ich aber lieber ein Passierschiff, die „Darpathecht“. Es ist eines der letzten großen Schiffe, die auf der alten Rommilyser Werft gebaut wurde. Doch seit die Perricumer billiger arbeiten können, werden in der Capitale Darpatiens nur noch Fischerboote gebaut, obwohl nun einiges versucht wird, um auch die Preise hier zu drücken. Nicht zuletzt der Bau der neuen Werft zu Neu-Rommilys soll da einiges bewirken.

Es ist nicht zu übersehen, daß Krieg herrscht. Ein halbes Fähnlein von Söldlingen geht mit an Bord, echte Darpatier, wie mir scheint: Zweihandäxte, Kleidung aus darpatischem Leder und eine veritable Kriegsschleuder sind Pflicht. Die „Schleuderer vom Wutzenwald“ aus der Baronie gleichen Namens sind ebenfalls auf dem Weg nach Süden, um von Perricum aus gen Arvepaß zu marschieren und die Truppen dort zu verstärken. Es ist ein saufseliger Haufen, immer für einen groben Spaß gut, aber guten Mutes, es dem „dem Dämonenmeister, dem tobrischen“ zu zeigen. Mir wird wieder einmal klar, daß Darpatier von ihren östlichen Nachbarn nicht viel halten ... Die aberhunderte Flüchtlinge lassen den Saphir in der Krone des Reiches matt und düster aussehen. Mögen die Götter geben, daß der Bethanier ihn nicht ganz herausbricht.

Es ist manchmal nicht ganz einfach, den Fluß sicher zu befahren, denn nur an wenigen Stellen hat man seinen Lauf gezähmt. So ist man in steter Gefahr auf Sandbänke zu laufen, tückische Untiefen, die schon morgen an anderer Stelle lauern mögen. Zwar wären wir davor in der Flußmitte sicher, doch dies brächte andere Probleme. Nachdem wir das Gebiet der Mark Rommilys verlassen haben, bildet der Fluß die Grenze zum Königreich Garetien, und zwar dort, wo „der Darpathe am tiefsthen sei“, so zeigt es mir der 1. Offizier in einem alten Buch. Und damit ergäben sich Zölle, andere Pässe etc., was man natürlich vermeiden möchte. Um so mehr kann ich von der darpatischen Seite des Flusses sehen. Das fürstliche Land Knoppsberg zieht an uns vorbei, ich sehe einige Darpaderos, die für das Fürstentum so typischen Viehhirten, die die großen Darpatrinder über die Weiden treiben. Aber nicht nur eitel Sonnenschein ist heutzutage eine solche Flußfahrt. Ein Lager mit Flüchtlingen gemahnt an das Schreckgespenst Krieg, das mit jedem Atemzug schrecklicher dräut. Mehrere Dutzend behelfsmäßiger Hütten und Zelte drängen sich am Flußufer, nahe einem kleinen Auenwäldchen. Kleine Kinder spielen am Ufer und winken dem Schiff, Frauen waschen tratschend ihre ärmlichen Fetzen. Nein, wie anders war alles, als der Dämonenmeister noch nicht sein schreckliches Haupt erhoben hatte.

Das Wetter aber ist geblieben, denn der warme Sommer bringt allzu oft auch ertragreichen Regen. So ist es auch jetzt, ich flüchte mich unter den Decksaufbau und unterhalte mich mit einem Händler aus Baliho, der nach Aranien will. Ich frage ihn, warum er nicht mit der Kutsche gefahren ist, deshalb erklärt er mir, daß er in einigen Baronien Darpatiens, vornehmlich in Wehrheim, aber auch weiter im Süden, der Brauch gilt, daß Wagen, welche beim Umkippen nicht auf der Straße - als quasi hoheitlich fürstlichem bzw. kaiserlichem Gebiet - sondern daneben landen, damit sofort in den Besitz des Grundherren übergehen. Deshalb seien einige der „hohen Herren und Damen“ nicht sonderlich interessiert daran, die Wege auszubessern, auch wenn die Fürstin und ihre Grafen dies immer wieder anmahnen. So aber sei der Darpat eine der wichtigsten Verkehrsstraßen des Reiches. Wohl gibt es auf der garetischen Seite eine Handelsstraße, doch ist das Reisen auf dem Fluß einfach schneller.

Dann endet das Gespräch abrupt, denn das Schiff bockt plötzlich wie ein Maulesel. Ich werde von den Füßen gerissen und kann mich gerade noch festhalten. Mein Gesprächspartner hat weniger Glück und wird über Bord geworfen. Nachdem ich mich wieder aufgerappelt habe und die Dinge sich ein wenig ordnen, kann ich erkennen, was uns so unsanft gestopt hat: das Schiff ist auf eine Kiesbank gelaufen. Einige Fischer helfen uns, den Kahn bis zum nächsten Dorf zu schleppen und die über Bord gegangenen wieder an Bord zu holen. Wir verbringen die Nacht in dem Dorf, während das Schiff ausgebessert wird. Der Rudergänger wird noch in der Nacht mit der neunschwänzigen Katze überantwortet, er hatte getrunken und damit unser aller Leben gefährdet. Immerhin ist das Schiff nur leicht beschädigt und wird mit einigen zugeschnittenen Planken und Dergelsmunder Pech wieder flott gemacht.

Weiter geht es, vorbei an den malerischen Auen, aber auch am „Hühnerschnabel“, wie der respektlose Kapitän die vorspringende Nase des Gluckenberges nennt. Hier kommen sich die Ausläufer der Trollzacken und die Vorberge des Raschtulswalls am nächsten, und es ist die wohl gefährlichste Stelle des Flusses, voll von Wirbeln und Gegenströmen, die ein Schiff leicht auf die Felsen drücken können. Doch wie um das Ungeschick von gestern vergessen zu machen, gleiten wir wie von Efferd selbst behütet durch die Gefahr. Auf der garetischen Seite fallen mir Treidelkähne auf, die nordwärts ziehen, gleiches gibt es auf darpatischer Seite nicht.

Wieder ziehen Rinderherden unweit des Ufers entlang, doch diesmal scheinen es andere zu sein. Sie sind dunkler gefärbt, ihre Hörner sind ausladender und verraten den Einfluß älterer Rassen, wie mir der Weidener bestätigt. „Suderfaller“ nennt er sie, eine Abart der Darpatbullen.

Dann verlassen wir die Baronie Gluckenhang und kommen nach Gaugräflich Trollsgau. Auf einem Felsen über dem Fluß erhebt sich ein alter tulamidischer Palast, noch aus den Zeiten des Sultants Al´Hani, wie es heißt. Man erkennt sogar von hier die wunderbare Pracht des Gebäudes. Es gehört einem Adligen aus dem Wehrheimischen, sagt man mir, der hier seine Wintermonate verbringt, die bei weitem milder sind. Die Landschaft wird nicht sonderlich spannender, fast immer nur Auwälder, unterbrochen ab und zu von einem kleinen Dorf oder Weilen, manchmal auch einem kleinen Gutshof mit grasenden Rindern. Nur selten kann man, etwas entfernt, Getreidefelder sehen.

Kurz vor Perricum hält das Boot noch einmal an dem Weiler Lithorgs´ Tann, wo die Söldlinge aussteigen und sich auf ihren Marsch gen Trollzacken machen. Ich werde sie vermissen, ihre Zoten und Witze machten die Fahrt doch um einiges kürzer. Nicht lang danach sieht man schon die Mauern von Perricum, der Perle am Meer. Hier strömt der Darpat ins Meer, und hier wird meine Reise auch enden.“

(Bericht des Hesindegeweihten Dagvert von Peilsens Hof, 28 Hal)

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