Von Wehrheim nach Warunk- Die Reichsstraße 1
Auszug aus dem Reisetagebuch des Scharlatans Tankred von Silas, aufgeschrieben 25 Hal
"...heute schreiben wir den 13. Rondra, und ich bin endlich an der Grenze zu Darpatien angelangt. Es dauert etwas, denn vor mir ist eine Gruppe von Söldnern angekommen, die weiter nach Tobrien will. Tja, leider Pech gehabt, denn mit Waffen über 2 Spann Länge kommen nur Adelige und Geweihte über die Brücke über den Olku, und diese Narren mit ihren Piken gehörten sicherlich nicht dazu. Egal, ich unterhalte das Publikum aus Kaufleuten, Pilgern und sonstigen Reisenden, das mit mir warten muß, mit einigen Kunststücken. Die Ausbeute ist nicht einmal schlecht...
Endlich komme auch ich über die Brücke, bezahle den Brückenzoll und stopfe den Passierschein für Darpatien zu den übrigen Papieren (dieser Umschlag wird auch immer dicker, vielleicht sollte ich den nostrischen Siegelbrief wegwerfen). Die Garethier lassen mich ohne einen Blick passieren, die Jungs und Mädels mit dem Stierkopf auf dem Wappenrock sind da schon schlimmer. Mein Wagen wird eingehend inspiziert, als sähe man fahrendes Volk nicht alle Tage...
Das Land hier ist sehr hübsch, fette Rinder grasen neben der Straße. Ich beobachte die Bauersleute, die auf den Feldern schwitzen. Wie schön ist doch das Leben mit Straßenstaub auf den Schuhen(...).
Viel Verkehr herrscht auf dem Weg nach Wehrheim, das nur noch wenige Stunden vor mir liegt. Händler, Pilger auf dem Weg nach Rommilys, Aranier auf dem Heimweg nach Llanka, tobrische Tuchverkäufer, ab und an auch eine Patrouille der "Helmbrechter", wie die Mannen des fürstlichen Leibregiments genannt werden. Einmal gibt es einen häßlichen Zwischenfall als eine riesige Wehrheimer Dogge einen Mann am Boden festnagelt! Dieses Kalb hätte ihm sicherlich die Kehle herausgerissen, wenn nicht ein Riese von Kerl, grobschlächtig und auf einem zierlichen Elenviner sitzend - unpassend, das!-, das Vieh mit einem kurzen "Bardo, bei Fuß!" zurückgerufen hätte. Ein Mitreisender erzählt mir, daß dies ein Büttel des hiesigen Barons, Ludeger von Rabenmund, gewesen sei. Ah, ein weiterer Vertreter dieser Familie, deren Namen man hier überall hört. Sein Beiname ist "der Pfähler", warum wird mir einige Meilen später klar. Am Straßenrand sind einige bedauernswerte Geschöpfe auf Pfähle aufgepflanzt worden, einer scheint sogar noch zu leben! Möge Boron seiner Seele gnädig sein, kein Verbrechen kann wohl so schlimm sein, um solch grausame Marter zu rechtfertigen! Nicht weit entfernt steht ein Büttel, wohl um aufzupassen, daß niemand die Elenden aus ihrer Lage befreit.
Es sind Mörder, wird mir gesagt, und sie hätten nur nach Sitte der Gegend ihre Strafe erhalten. Als Warnung für andere sicher nicht ohne Wirkung, aber nein, diesen von den Göttern verlassenen Ort will ich möglichst schnell hinter mich bringen!(...)
Ich gebe dem Braunen ein wenig die Peitsche , um die letzte Kettenfähre für heute zu erreichen. Er legt sich fein ins Zeug und wir erreichen beizeiten unser Ziel. Das Fährgeld kann ich beim Warten wieder leicht verdienen. Jetzt ist der Obere Darpat überwunden. Und da, schon kann ich in der Ferne Wehrheim erkennen, nur noch wenige Meilen entfernt.
18. Rondra:
Bei den Göttern, es wird Zeit, daß ich weiterziehe. Die Soldaten sind zwar ein ausgehungertes Publikum und auch die Bürger geben reichlich, aber trotzdem, wenn ich nicht bald weiterreise, verpasse ich noch den Herbstmarkt in Warunk. Zudem sind die Bannstrahler, die hier ihr Haupthaus haben, ständig präsent, was mir gar nicht pläsiert, gucken die doch selbst einen ehrbaren Illusionisten wie mich scheel an(...)
Ich schließe mich einem Wehrheimer Händler an, der Bewaffnete dabei hat. Zwar ist die Gegend hier befriedet, aber wenn wir erst mal die Baernfarnebene hinter Gallys erreicht haben, werden die Landschaft rauher und die Räuber häufiger.
Ich frage mich allerdings schon nach kurzer Zeit, ob das so eine besonders gute Idee war. Der Händler redet die ganze Zeit von seinen Schmiedewaren und den guten Geschäften, die er erwartet, während mir der Sohn unverhohlen schöne Augen macht! Beim Übergang über den Gernat einige Meilen östlich von Wehrheim schließt sich uns götterlob ein Gaukler an, der nach Ysilia möchte. Wir sind seelenverwandt und er versteht meine Qual mit diesen Leuten. Außerdem nimmt er sich noch des Sohnes an, beide scheinen den Rest des Weges sehr froh miteinander zu sein ...
Dies läßt mir Zeit, die Gegend zu betrachten. Von der Straße aus kann man wieder die Rinderherden sehen, für die Darpatien bekannt ist. Ihre Hirten machen mir einen recht eigenbrötlerischen Eindruck, es scheint, als sei mit ihnen nicht unbedingt gut Kirschen essen. Aber reiten können sie!
Das Weideland im Flußtal ist fett und die Grafen von Wehrheim und Zweimühlen-Zwerch verdienen eine gute Stange Taler daran, berichtet mir der Händler.
Eine gute Meile voraus kann man eine trutzige Feste auf einem Hügel ausmachen. Das muß Auraleth sein, Sitz der Bannstrahler, von der man mir in Wehrheim erzählt hat. Ich frage mich nur, warum der Orden hier, so nahe der größten Reichsgarnison, seine Hauptburg hat und nicht irgendwo bei Gareth...
Am Abend erreichen wir bei dem Dorfe Berler die Grenze zu Zweimühlen-Zwerch, dem Land der Gräfin Ragnar der Roten. Hier kreuzt die Straße nach Trallop diesen Weg, die vom Norden über Grassing nach Rommilys im Süden führt.
19. Rondra:
Die Gegend hinter Berler wird etwas hügeliger, wenn sich auch alles in allem nicht viel ändert. Die Weiden ringsherum sind immer noch voll mit diesen Rindern. Ab und an führt unser Weg durch einen Weiler. Einmal verrät ein Wegweiser, daß ein ausgetreter Weg nach Zweimühlen, der Hauptstadt der Grafschaft, führt. Wir folgen aber dem Schild, auf welchem mit großen Lettern "Gallys-Trollpaß" steht. Endlich erreichen wir Jarrotshof und nehmen Quartier im "Grauen Reiter". Leider will trotz meiner Kunststücke keine rechte Stimmung aufkommen, denn ein Händler, der von Gallys kommt, berichtet von Überfällen zwischen Talf und dem Trollpaß, ungefähr zwei bis drei Tagesreisen voraus. Banditen und eine Gruppe marodierender Orken machen die Gegend unsicher. Man hat eine Schwadron Kavallerie ausgesandt, ihrer habhaft zu werden, bislang vergeblich.
20. Rondra:
Möge Phex diesen Händler strafen! Noch vor Sonnenaufgang jagt mich der Kerl aus dem Bett, weil er aufbrechen will. Es stünde der steile Anstieg zum mitteldarpatischen Hochland bevor, auch Baernfarn-Ebene genannt. Doch schon bald machen wir Halt in dem Weiler Talf, es ist Markt und der Händler sieht eine Chance, einige seiner Waren loszuwerden.(...)
Ich baue in einer Ecke mein Bühne auf. Ah, es ist ein guter Tag, sicherlich habe ich zwei Dukaten eingenommen! Am Abend werde ich Zeuge einer heftigen Auseinandersetzung: ein Rinderzüchter disputiert sichtlich erregt mit einem Mann, der das Stierwappen trägt. Sie werden von den Viehhütern des Mannes, man nennt sie hier Darpadéros, und den Gardisten des Büttels umringt. Die Lage riecht ein wenig brenzlig. Es scheint um eine Herde zu gehen, die nach Garetien gebracht werden soll, aber einer bestimmten Norm nicht entspricht. Scheinbar stimmt mit den Tieren etwas nicht. Zum Glück lenkt der Rinderzüchter ein, bevor es zum handfesten Zwist kommt. Er sieht wohl ein, daß er gegen die Gewappneten keine Chance hätte.
Ich erfahre später, daß der Wappenträger ein Scherge der Fürstlichen Handelskammer war, die ihre Leute in alle Teile des Fürstentumes entsendet, um auf den Märkten die Waren zu überprüfen. Zumal jene, die exportiert werden sollen. Stimmen sie nicht mit den Normen überein, so dürfen sie nicht feilgeboten werden oder wenn unter dem üblichen Preis. Ein hartes Brot, aber andererseits sichert das den darpatischen Waren allerdings auch den vorzüglichen Ruf, den sie überall haben.
21. Rondra
Es ist kein guter Tag. Es hat begonnen zu regnen, ein stürmischer Wind bläst. Dann passiert das Unglück: ein morscher Baum stürzt auf die Straße, die Pferde des vordersten Wagens scheuen und weichen in den Straßengraben aus. Dabei stürzt der Karren um und ein Rad bricht. Zum Glück hat sich der Kutscher nur leicht verletzt. Während die anderen versuchen, den Baum wegzuräumen und den Wagen zu reparieren, verbinde ich den Verletzten. Hesinde sei gepriesen, daß ich damals in Havena diesen Medicus traf, er hat mir auf unserem gemeinsamen Weg doch einiges beigebracht!
Die Reparaturen kosten uns einen Gutteil des restlichen Tages, so daß es schon dämmert, als wir endlich den Rest des Aufstiegs erklommen haben. Ich bin heilfroh, als wir im "Darpatischen Ochsen" absteigen. Ich bin sogar zu erschöpft, um meine Kunst gegen Kost und Logis darzubieten. Lieber höre ich einem Reiter aus Beilunk zu, der Neuigkeiten aus dem Süden zu berichten weiß (...).
22. Rondra
Unser Weg führt uns immer noch leicht bergauf, aber immerhin hat es aufgehört zu regnen und der Wind weht auch nicht mehr so stark. Im Gegenteil, ab und zu läßt sich die Praiosscheibe sehen und dann ist die Baernfarnebene ein wahrhaft herzzerreißend schöner Anblick: Abseits der Straße steht das Heidekraut kniehoch, vereinzelt wachsen einige Büsche. Wenige hundert Schritt entfernt stehen einzelne Baumgruppen, die z.T. sogar zu kleinen Wäldern werden.
Der Verkehr ist merklich weniger geworden, mag sein, daß die Gerüchte über die Räuber die Reisenden bewogen hat, erst mal in Sicherheit abzuwarten. Nur selten sehen wir noch Bauernhöfe und wenn sind diese von Palisaden umgeben. Aber die sprichwörtliche darpatische Gastfreundschaft bekommt man auch hier zu kosten. Bei unserer Rast auf einem der Höfe werden wir überaus freundlich aufgenommen. Kurze Zeit später donnert eine Reiterkavalkade vorbei, Eskorte für eine Kutsche. Ich habe nur die Krone über dem Wappen gesehen, aber anhand der Reaktion der Landleute kann ich erahnen, wer dies war: Die Fürstin selbselbst! Hier draußen...Was das wohl zu bedeuten hat ...?
Kurz vor unserem Aufbruch erreicht eine Gruppe Reiter den Hof. Abenteurer sind´s, die nach Gallys wollen, und anbieten, gemeinsam zu reisen. Auch sie erzählen von den Räubern, die im nördlich der Reichsstraße gelegenen Schwarzen Wald hausen sollen.
Gemeinsam geht es weiter. Bis zum Einbruch der Nacht erreichen wir keinen Ort, was uns dazu zwingt, am Rande der Straße ein Lager aufzuschlagen. Mir ist etwas unwohl dabei, aber wir sind wohl so viele, daß man nicht wagen wird, uns zu behelligen.
23. Rondra:
Die Nacht verlief ruhig und ich bin so erleichtert, daß ich ein wenig mit den Bällen jongliere, während der Braune brav den anderen Wagen hinterhertrottet. Am Vormittag kommen wir nach Daffel, das inmitten der Baernfarn liegt. Ringsherum gibt es etliche weitere Dörfer, jeweils nur wenige Meilen auseinander, denn der Boden ist überaus fruchtbar, weswegen man diese Gegend auch "Kornkammer der Hochebene" nennt.
Nachdem wir diese von Peraine gesegegnete Gegend verlassen haben, ist die Landschaft wieder einsam und öde wie zuvor. (...)
Meine Gedanken werden unterbrochen, als der vorderste Wagen plötzlich anhält. Als ich nach vorne eile, sehe ich auch den Grund: Ein kreisrundes Loch von etwa sieben Schritt Durchmesser hat einen Teil der Straße verschlungen! Ich spekuliere auf einen magischen Ursprung, bevor der Händler dieses Phänomen erklärt: Der Boden dieses Teils der Baernfarn-Ebene besteht vorwiegend aus Kalkstein. Dieser wird vom Regenwasser ausgespült, was mitunter den Boden aushöhlt. Hier gibt es allerorten unterirdische Höhlen und Gänge, seltener gar unterirdische Bäche. Wenn eine dieser Höhle einstürzt, entstehen solche Löcher, die von den Einheimischen Drolinen genannt werden (warum auch immer).
Sei es, wie es sei, wir müssen das Loch umfahren, was uns einige Zeit kostet, denn es ist nicht leicht, einen für die schweren Wagen geeigneten Weg durch die Hügel zu finden.
24. Rondra.
Am Vormittag erreichen wir Gallys. Schon von Ferne war der Artemaberg auszumachen, auf dem das Städtchen steht. Allerlei buntes Volk ist anwesend, sehr zu meiner Verwunderung. Wie ich erfahre wird ein großes Fest gefeiert, denn die jungen Kälber der Umgebung sind nun alt genug, um das Brandzeichen ihres Besitzers zu erhalten, was Anlaß für die Dörfler der Gegend ist, einen großen Markt abzuhalten und dem vom Baron Deggen von Baernfarn und Gallys veranstalteten Turnier beizuwohnen. Leider kann ich nirgends ein Zimmer ergattern (der Händler hatte schon ein Zimmer im Hotel Darpatia für sich reserviert, dieser Batzen), so daß ich wohl oder übel im Wagen schlafen werde.
Die Vorstellung ist gut besucht, mein Tänzchen mit meinem durch den Duplicatus geschaffenen Doppelgänger verfehlt auch hier seine Wirkung nicht. Ich lasse es deswegen gut sein und schaue mir gegen Mittag das Treiben auf der Orkwiese an: Kälber werden hereingetrieben, die Kraftprotze der Umgebung drücken sie an den Hörnern zu Boden und man verpaßt ihnen das Brandzeichen. Danach beginnen die Turnierwettkämpfe.
Ich habe mich mit einer Magierin angefreundet, die mit einer Gruppe von Freunden nach Festum unterwegs ist. Sie ist ein überaus reizendes Geschöpf, ihr Haar leuchtet wie ein Sonnenaufgang, ihre Augen (...).
26. Rondra
Ich bin gestern nicht dazu gekommen, mein Tagebuch weiterzuführen, was ich heute unbedingt nachholen will. Der glücklichste Mensch Deres sitzt in diesem Augenblick auf dem Kutschbock eines alten Wagens mitten im Nirgendwo Darpatiens! Eleana (so heißt die Schöne, von der ich schrieb) liebt mich!!! Ich bin so glücklich, daß ich meine Kräfte andauernd für einen Luciferi Lichtertanz vergeude, aber sie mag diesen Zauber ungemein, zumal sie ihn nicht beherrscht. Sie will mir einen ihrer Kampfzauber beibringen, wenn ich ihr im Gegenzug den Luciferi zeige. Natürlich habe ich zugestimmt, wer könnte dieser andergast´schen Schönheit schon etwas abschlagen?
Dann muß ich mich aber wieder konzentrieren, denn der Anstieg auf den Trollpaß beginnt. Ich habe mich natürlich der Gruppe um Eleana angeschlossen, die sich ein Zubrot auf ihrer Reise verdient, indem sie als Begleitschutz eines Wagenzuges des Handelshauses Plötzbogen aus Warunk fungiert. Dieser Schutz ist auch bitter nötig, denn die Gegend hier ist von Orken verseucht, die wohl aus der Schwarzen Sichel heruntersteigen und sich in den Höhlen und Gängen der menschenleeren Baernfarn verstecken, um arglose Wanderer zu überfallen.
Die Gegend wird immer zerklüfteter und wilder, lediglich zwei Reisegruppen aus Warunk kommen uns entgegen, ebenfalls mit starker Bedeckung. Sie haben keine Orks gesehen, wissen aber von Raubüberfällen auf eine Wagenkolonne zu berichten, von denen ein paar Reisende ihnen berichtet haben. Es ist immer das selbe mit diesen Gerüchten, jeder hat etwas gehört, aber niemand jemals etwas gesehen!
Ich bin überaus froh, daß wir am Abend den Ringöhof erreichen und der Bauer mehr als gastfreundlich ist. Ich übe die ganze Zeit den Ignifaxius, bis ich erschöpft bin und lieber dem Fidelspiel des Bauernsohnes zuhöre. Es wird viel gelacht und getanzt, eine Wohltat nach der nervenzerreißenden Anspannung des Tages.
27. Rondra
Immer steiler wird der Anstieg zum Paß, der Weg wird nur noch von verkrüppelten Birken und Kiefern flankiert. Selbst die werden immer spärlicher, bis man gar keine mehr findet, einzig Moose und graue Flechten bewachsen das schroffe Gestein. Der Wind bläst unangenehm kalt, und auch Praios Antlitz vermag uns nur noch unzulänglich zu wärmen. Und das im Hochsommer! Kein Menschenkind ist zu sehen.
Gegen Nachmittag erreichen wir die zerfallene Wehrmauer, an der vor vielen Jahren die Ogerschlacht stattfand. Ich mußte schon vor Meilen vom Bock, denn der Braune hatte mit dem Wagen schon genug zu tun, genau wie die Ochsen mit ihren Karren vor mir. Noch immer kann man hier oben in der Ogerklamm zerbeulte Helme und verrostete Schwerter finde. Ganz davon abgesehen, daß am Jahrestag der Schlacht die Toten aus ihren Gräbern steigen sollen, um noch einmal gegen die Ungetüme zu kämpfen. Ich schlage unaufhörlich Schutzzeichen und beeile mich, den anderen hinterherzukommen, die bereits zur Trutzburg unterwegs sind, die über dem Paß scharfe Wacht hält. Diese dient Baron Travin von Forsthawellingen zu Devensberg als Heimstatt. Ein kleines Dorf drängt sich dicht an die Burg (...).
Der Baron ist über ein wenig Abwechslung sehr erfreut, und mein Auftritt wird mit großem Wohlwollen (und vor allem mit einigen Talern!) bedacht. Zudem darf ich mich mit den Resten des Herrentisches vollstopfen: Hirsebrei, Blutwurst, Gerstenbrot und vor allem eine Speise aus übereinandergelegten, in Schmalz gebackenen Semmelschnitten, zwischen die Kalbshirn gelegt wird, eine besondere Delikatesse. Heruntergespült wird dies mit Haferbier, ebenfalls sehr zu empfehlen.
Seit Tagen fühle ich mich endlich wieder sicher und geborgen wie an Travias Herd. Eine Schwadron Kaiserlicher ist hier oben stationiert, zudem kommt immer mal wieder eine Abteilung fürstlicher Soldaten vorbei, ganz abgesehen von den Bütteln des Barons. Na, da sollen Schwarzpelze und Räuber nur kommen!
28. Rondra
Ein Überfall! Direkt vor der Nase der Kaiserlichen! Aber von Anfang an: Östlich der Paßhöhe ist das Klima deutlich angenehmer, die Trollzacken bieten uns einen vorzüglichen Windschutz. Das Umland ist deutlich weniger karg, beim Abstieg kommen wir sogar wieder an vereinzelten Höfen vorbei.
Ich versuche mich gerade wieder am Ignifaxius, als plötzlich wie aus dem Boden erwachsen eine Horde von Schwarzpelzen über uns herfällt! Der Kutscher des zweiten Wagens wird von einem Pfeil durchbohrt, ebenso eine Frau der Wachmannschaft. Ich lasse meinen neuen Zauber auf einen der Orken niedergehen, der hintüber fällt und sich nicht mehr regt, was aber auch vom Armbrust-Bolzen stammen könnte, der ihm rechts aus dem Helm wächst. Dann nur noch wilde Schreie, das Aufeinanderschlagen von Metall und das Wimmern der Sterbenden. Ich merke, daß ich eh nichts tun kann und verstecke mich unter dem Wagen, während ich einen Harmlose Gestalt auf mich lege. Als ich schon denke, noch an diesem Tag die Schwingen Golgaris vernehmen zu müssen, höre ich das Dröhnen von Pferdehufen und das Signal einer Fanfare. Dann donnern an meinem Wagen unzählige Reiter vorbei. In die Kampfrufe und das Waffengeklirr mischen sich bald die Todesschreie der Orken.
Als ich unter meinem Wagen hervorkrieche, sehe ich das Ausmaß der Verwüstung: Ein Wagen steht in Flammen, die Fuhrknechte versuchen zu retten, was zu retten ist. Die Orken sind geschlagen, aber wir mußten einen hohen Tribut zollen: ein halbes Dutzend der unseren sind zu Boron gegangen, viele sind verwundet. Am meisten jedoch schmerzt mich die Verwundung von Eleana: einer der Unholde hat sie von hinten mit einem Säbel getroffen. Ich tue mein bestes, aber ich befürchte, es ist nicht genug.
29. Rondra
Ich weiß, daß vieles nicht zu lesen sein wird, denn meine Tränen benetzen diese Seiten. In der Nacht hat Boron in seiner unerklärlichen Weisheit befohlen, daß Eleana zu ihm kommen möge. Ihre Wunde hatte sich entzündet, und obwohl ich all mein Wissen anwandte, konnte ich doch nicht helfen. (...) Ich hoffe, es geht ihr besser im Garten der Hesinde. Warte auf mich, Blume Andergasts, ich werde dir eines Tages folgen! Stets wird mein Herz an dich denken!(...)
Wir begraben die Toten und sprechen Gebete. Die 15 Helmbrechter (denn einer zufällig vorbeikommenden Abteilung dieses Regimentes verdanken wir unser Leben) bringen uns hinunter bis ins Tal.
Ich habe keinen Blick für die Schönheit der Landschaft, obwohl ein Freund Eleanas, ein Söldner aus Mirham, mich ständig aufzuheitern versucht. Die lieblichen Täler, an denen wir vorbeiziehen, berühren mich nicht, und auch die einzelnen Dörfer, die nun wieder das Bild prägen und einen Hauch von Zivilisation verspüren lassen, können meine Trauer nicht bezwingen. Ihr Götter, warum ausgerechnet sie?
30. Rondra
Wir erreichen Altzoll, die Hauptstadt der Landgrafschaft Trollzacken. Die kleine Stadt am Bedrom zeigt kaum noch eine Spur des Ogerüberfalls, geschäftig geht es zu, denn immerhin ist hier einer der Hauptumschlagplätze für Waren vom Perlenmeer ins Landesinnere. Ein ganzes Stadtviertel gehört allein den großen Lagerhäuser, ein Beweis, wie schnell es Dank des florierenden Handels gelungen ist, die Wunden des Krieges zu heilen.
Am Ufer erhebt sich die Zollburg, in der der Graf Arve seine Residenz hat. Prachtvoll ist sie sicherlich nicht, an den grauen, von Sprüngen durchzogenen Mauern hat Satinavs Zahn im Laufe der Jahrhunderte eifrig genagt. Man erzählt mir, hier hätten sich weiland viele Bewohner der Stadt vor den anrennenden Ogern verschanzt, und die Mauern der Feste hätten standgehalten und so vielen das Leben gerettet. Da kommt es dann wohl auf Pracht auch nicht an.
Ich verbringe einen Großteil des Tages im Traviatempel. Der Bau scheint augenscheinlich noch recht neu zu sein, und tatsächlich gehörte der alte Tempel zu den Gebäuden, die die Ungeheuer damals zerstört haben.
Der Vater des Heiligtumes sieht meine Trauer und bietet mir an, im Tempel zu nächtigen. Ich rede lange mit ihm, er ist ein verständiger Mann, wohl um die 50 Winter dürfte er gesehen haben. Erschöpft, aber auch erleichtert schlafe ich ein.
1. Efferd
Ich verlasse den Tempel und durchstreife die Stadt. Geschäftigkeit herrscht in den engen Gassen, was mich auf den Gedanken bringt, meine Bühne aufzubauen, denn was ist besser als ein wenig Arbeit, um den Kopf freizumachen. Leider will mir nichts so recht gelingen: beim Weihrauch, Rose, Wohlgeruch fabriziere ich den Gestank von Kühen, beim Jonglieren verliere ich einen Ball und beim Impostoris, mit dem ich mich in Brin verwandele (was mir in anderen Teilen des Reiches stets Beifall bescherte, wenn ich seine Große Rede vor der Schlacht auf den Silkwiesen nachahme), bekomme ich eine Frucht an den Kopf geworfen und irgendjemand schreit "Garetherknecht!" Zwar kommt von allen Seiten ein "Wer war das?" aber der Täter wird nicht gefunden.
Ich habe auf jeden Fall genug und verlasse die Stadt. Lieber dort draußen auf den Wiesen nächtigen, als hier eine Pechsträhne einhandeln!(...)
Am nächsten Morgen richte ich alles für die Abreise. Warunk ist nur noch wenige Tagesreisen entfernt und die Gegend dürfte auch wieder sicherer sein. Trotzdem schließe ich mich dem Zug einer reichen Dame aus Neersand an, die bis Mendena will, um dort auf ein Schiff zu steigen. Meine Tricks funktionieren wieder halbwegs, so daß ich sie begleiten darf.
3. Efferd
Die Reise verlief sehr ereignislos, worüber ich nicht besonders böse bin. Die Landschaft ist eher eintönig: Nadelwälder, die düster am Wegesrand stehen, wechseln sich ab mit einigen wenigen Hügeln. Ab und an einige Felder und Weiden, auf denen die Bauern der Weiler ihre Darpatviecher grasen lassen. Die Praiosscheibe zeigt sich nicht mehr, ich vermute, es wird in den nächsten Tagen noch regnen, wenn mich meine Narbe am Knöchel nicht täuscht.
Schließlich erreichen wir gegen Abend die Grenze nach Warunk. Wir werden kaum überprüft, man vertraut wohl den Wächtern auf der anderen Seite des Fürstentumes. Typisch, die Taler für den Passierschein hätte ich mir einmal mehr sparen können. Keiner hat ihn je sehen wollen. Aber wenn man erst keinen hat ... Die Reisenden aus Tobrien, die nach Darpatien wollen, werden strengstens durchsucht, vor allem wenn sie fremdländisch aussehen. Als ob man an einer Reichsgrenze wäre!
Nachdem wir unseren Brückzoll gezahlt haben und einen weiteren Paß (sic!) erhalten, können wir endlich über den Radrom ziehen und sehen auch schon die Stadt Warunk vor uns auftauchen(...).