Wahrlich getreuer Bericht über die Vorgänge in der gräflichen Vogtei Dettenhofen
niedergeschrieben durch Gorthin von Linnerz, Verwalter der Vogtei, eingesetzt und beauftragt durch Seine Hochgeboren Roderick Hlûthâr Garbit von Rabenmund (m. H. ) Vogt von Dettenhofen Junker zu Hassloch
Höret Ihr hohen Damen und Herren was geschah:
Seine Hochgeboren, Vogt Roderick, wies mich bereits vor geraumer Zeit an, alle Vorbereitungen zu treffen, die Vogtei vor dem Einmarsch der Schwarzen Horden zu schützen und Übergriffe durch die finsteren Schergen des Bethaniers zu ver-meiden. Dem entsprechend wurden die Dettenhofener Truppen verstärkt. Nach dem Fall von Altzoll befanden sich dem Befehl des Vogtes entsprechend die folgenden Truppen in den Grenzen der Vogtei:
· An der Ostgrenze stationiert waren die 10 Dettenhofener Bergjäger, angeführt durch zwei Corporale unter dem Kom-mando des Weibels Trollgrimm Heckenschleicher
· In Dettenhofen, Hassloch und Rabenstein stationiert waren jeweils eine Hundestaffel, bestehend aus 10 Bütteln, 10 Wehrheimer Doggen unter dem Kommando jeweils eines Corporals.
· In Brambauer stationiert war der 15köpfige Schanztrupp unter Führung von Weibel Norguls, Sohn des Bruntil.
· Die verbliebenen Reste der ausgehobenen Landwehr belief sich auf 52 Mann, welche - eilends verstärkt auf 80 Mann - in zwei Gruppen jeweils unter das Kommando eines Weibels gestellt wurden.
· Die gesamte Landwehr wurde unter dem Oberkommando S.H. Vogt Roderick von Hauptmann Wulfger Brecher ange-führt.
· Zwei Wundärzte und der Kampfmagier Meister Wendgraben komplettieren die Streitkräfte der Vogtei.
· Insgesamt standen Vogt Roderick also 148 bewaffnete Männer und Frauen, 36 Wehrheimer Doggen, 32 Warunker und 15 Maultiere zur Verfügung.
Bereits vor Wochen hatte der Schanztrupp sein Quartier zum Kloster Wolfskopf verlegt, um dort Befestigungsanlagen zu verstärken und Vorbereitungen zu treffen, die Paßstraße mittels einer künstlichen Steinlawine zu blockieren.
Gänzlich unerwartet aber traf Vogt Roderick in Dettenhofen ein, war er doch zum Turnier zu Gallys geladen, wo er die Jungfer Waliburia zu Stannitz-Schnattermoor zu freien gedachte.
Jedoch kam der Vogt ohne Begleitung gut fünf Tage bevor man ihn zurück erwartet und gab alsbald den Befehl, die so-fortige Marschbereitschaft in Gang zu setzen. Hauptmann Brecher war auf derlei Befehl durchaus vorbereitet und noch am selben Tage war der größte Teil der Truppen in Marsch gesetzt zum Wehrturm an der dettenhofener Ostgrenze. Kei-nen Hehl machte der Vogt aus der Tatsache, daß er weder einen Befehl von Seiten der Fürstin erhalten habe, noch in de-ren Wissen handele. Doch eine kurze Ansprache zu den Truppen fegte jegliche Zweifel davon. Es ging um die Verteidi-gung der Heimat!
Zur korrekten Betrachtung sei angemerkt, daß in dieser Jahreszeit die Trollzacken mit dichtem Schnee bedeckt sind und der Weg gen Osten schwerlich zu überwinden ist. Aus diesem Grunde sind alle weiteren Nachrichten ebenso lückenhaft wie auch verspätet auf Burg Rabenstein eingetroffen, denn wisset, die Truppen sind nach wie vor im Felde.
Am XXX erreichten die Einheiten der Dettenhofener Landwehr das provisorische Feldlager am östlichen Wehrturm. Die Paßstraße, welche von hier aus durch die Trollzacken zum Kloster Wolfskopf und weiter nach Brambauer und schließlich zum Ochsenwasser führt, ist der einzige Weg, der größere Transporte ermöglicht. Aus diesem Grunde war ein Angriff der schwarzen Horden an dieser Stelle zu befürchten. Und siehe, es wart keine Stund zu früh, daß der Vogt mit seinen Käm-pen die Grenze erreichte! Schon schickte sich der Feind an, die Paßstraße zu erklimmen. Schon gierten widernatürliche Kreaturen nach dem Blute unserer Tapfersten!
Im Folgenden entbrannten zahlreiche kleine Scharmützel, denn Vogt Roderick war klug genug, seine Leute nicht in einer offenen Feldschlacht gegen den Feind zu führen. Doch zu groß war die Übermacht, zu stark der Gegner. So war der Weh-turm bald aufgegeben, jedoch nicht dem Feinde überlassen. Den Roten Hahn setzte der Vogt selbst aufs Dach des Tur-mes, bevor dieser den Schergen des Finsteren Unterschlupf gewähren könnt. Doch bald schon mußten sich die Unsrigen weiter zurückziehen in die Tiefen der Trollzacken. Hier aber kam es unseren Truppen zu Gute, daß sie mit dem unwegsa-men Terrain gut vertraut waren. Und so manches Mal konnten feindliche Einheiten vom Heerwurm abgetrennt und im Hinterhalt niedergemacht werden. Doch auch die Unsrigen hatten hohen Blutzoll zu entrichten. Als die feindlichen Linien kurz vor dem Kloster Wolfskopf standen, da war bereits fast die Hälfte der Landwehr gefallen und auch vier Bergjäger und zwei Hundeführer galt es zu beklagen. In diesen Kämpfen aber zeigte sich, wie wertvoll des Vogtes Einfall sich er-wies, die Wehrheimer Doggen für den Kampf auszubilden. Denn wahrlich tapfer warfen sich die Tiere ein ums andere Mal gegen den Feind und wichen nicht zurück. So retteten sie manchem Kämpfer das Leben. Und als die Kämpfe am Abend zum vorläufigen Erliegen kamen, da hatten 17 dieser stattlichen Kreaturen ihr Leben ausgehaucht.
Die Lage aber wart nunmehr prekär. Die zahlenmäßige Übermacht des Feindes war erdrückend und immer mehr Söldner, Untote und gar unaussprechliche Kreaturen rückten von Osten her kommend nach. Die Unsrigen aber konnten weder Nachschub noch Entsatz erwarten.
Vogt Roderick aber befahl seinem Hauptmann nunmehr, sich mit den verbliebenen Truppen in die Mauern des Klosters zurückzuziehen. Alsdann sollten die Schanzer ihre Arbeit verrichten und den Paß blockieren. Allein - dem Feind den Rücken zuzuwenden wäre geradewegs der Untergang gewesen. Und so entschloß sich der Vogt Roderick von Raben-mund, sein Leben ganz und gar in die Waagschale zu werfen. So rief er auf all jene, die freiwillig bereit waren, ihm ins Ungewisse zu folgen. Und siehe: sechs seiner Hundeführer standen dort bereit mit ihrem treuen Tier an ihrer Seit und Meister Wendgraben wollt ebenfalls den Vogt nicht verlassen, ebenso der Weibel Trollgrimm Heckenschleicher und auch der Wundarzt Semper Geißlin bot seine Hilfe an. Und ein Dutzend wackerer Männer und Frauen der Landwehr er-klärten sich bereit, dem Ruf des Vogtes zu folgen. Zwei Schanzer, die dem Volk der Zwerge angehören, taten es ihnen gleich.
So kurz, so unspektakulär sich diese Zeilen lesen mögen, so folgenreich war doch die Ausführung des Vogtes Plan. Denn als Vogt Roderick - an seiner Seite seine treue Dogge Reto - den Ausfall durchführte, da wart der Feind überrascht und dies gab den Übrigen unter dem Kommando des Hauptmanns Brecher die Gelegenheit, das Kloster unbeschadet zu erreichen. Zur vergegenwärtigung der Situation sei bedacht, daß die Paßstraße unterhalb des Wolfskopfs sehr eng ist, so daß kaum mehr denn ein Fuhrwerk sich hindurchquälen mag. Mochte dies in früheren Zeiten ein Ärgernis für Reisende und Händler gewesen sein, so erwies es sich heuer als unschätzbarer Vorteil für die kleine Schar Freiwilliger. Denn durch die Enge war es dem Feinde ebenfalls nicht möglich, seine Übermacht zum Tragen zu bringen und auf breiter Front anzu-greifen. Dennoch: Schon sahen wir zwei, drei der Freiwilligen unter den wütenden Hieben der finstren Gegner ihr Leben lassen, da taten auch die Schanzer, wie ihnen geheißen. Eine gewaltige Steinlawine donnerte hinab, gerade so, wie es be-rechnet war. Viele der Schurken wurden unter ihnen begraben, doch auch zwei der Unsrigen fanden den Tod im Steinha-gel.
Als der Staub sich gelegt hatte, da war die Paßstraße von Geröll überschüttet. Kein Durchkommen wird mehr sein, nicht vor und nicht zurück. Und das Kloster Wolfskopf thront auf hohem Fels an schroffer Steilwand über den feindlichen Truppen. Zwar ist auch der Weg gen Westen nunmehr schwerlich zu bestreiten, doch wird die Verbindung aufrecht er-halten. Die üblen Schergen aber sind nun außer Stande, auf diesem Weg weiter nach Westen vorzudringen, noch das Kloster einzunehmen. Und doch der Preis hierfür war hoch:
Vogt Roderick von Rabenmund und sein treues Tier Reto, Weibel Heckenschleicher, Meister Wendgraben, der Wund-arzt Meister Geißlin, der zwergische Schanzer Rogulf, Sohn des Gurgald, fünf der Hundeführer mit ihren Tieren und sechs Landwehrmilizen sind seither verschollen. Ihr Schicksal ist ungewiß. Die anderen Freiwilligen fanden einen heldenhaften Tod.
So schildert sich die Lage zur Zeit. Des Vogtes letzten Befehle galten Hauptmann Brecher, der aufgefordert ist, kein Schritt mehr Dettenhofener Bodens dem Feind zu überlassen und das Kloster Wolfskopf um jeden Preis zu halten. Mir selbst, Gorthin von Linnerz, übertrug er bis auf weiteres die Amtsgewalt, die Vogtei zu führen, bis er durch glückliche Fügung der Götter zurückkehren mag oder sein Tod bestätigt sei.
Hier endet des Chronisten Bericht. Mögen die Götter den tapferen Streitern gnädig sein. Und auch wenn Vogt Roderick ohne Befehl und eigenmächtig gehandelt haben mag, seine Untertanen hat er mit seiner mutigen Tat vor dem Untergang bewahrt! Wie wohl er um sein Schicksal ahnte, mag aus den Zeilen hervorgehen, die noch am Abend seines Verschwin-dens er an seine Schwester, Ihre Hochgeboren Baronin Morella von Rabenmund (m. H.) und Geltring-Weiden zu Mitten-berge, gesandt, welche uns diese Verse aus Vogt Rodericks Feder preisgab:
Und zög' ich aus wider finst're Mächte mit Mut und scharfem Stahl,
so wär' mein Streben doch vergebens, wenn ich zum Sterben nicht bereit.
Und kämpft' ich mit den Edelsten Seit' an Seit',
so wär' es doch kein aufrecht Streiten, kämpft ich nicht reinen Herzens.
Und zög' ich aus zu rühmen der Familien Ehr',
so wär sie doch besudelt, wenn andrer Ränke sie für Eigennutz mißbraucht.
Und gilt mein Kampf auch Treu' und Recht,
so kämpft' ich doch umsonst, wenn Kalkül das Recht beugt und Treu' aus Selbstsucht wird zur Hur'.
Und führt ich mein Schwert für Fürstin, Familie und meiner Liebsten treu,
so wird's zerbrechen doch, wenn eine nur den Schwertarm verläßt.
Und kehrt' ich siegreich aus der Schlacht zurück,
so wär doch alles verloren, wenn ich die Liebe nicht gewänne.
Und fänd' ich gnadvoll meinen Tod auf blutgetränktem Boden,
so sei mein Wappenschild doch unbefleckt von eitlem Machtgelüst.
Dies laß ich nunmehr hier zurück:
die Mißgunst schurk'scher Intriganten, mögen sie auch sein von edlem Geblüt;
die eitlen Triebe machthungriger Ränkeschmiede, mögen sie auch von gleichem Blute, wie ich selbst;
die Liebe, die nicht stark genug, den Wirrnissen zu widerstehen und sich gebeugt dem einfachen Weg.
Dies alles laß ich gern zurück, doch nicht
den Augenblick des zartesten Empfindens;
den Stolz, den meine Ahnen mir vererbt;
die Heimat, deren Schutz und Schild ich sein durfte;
und ein Antlitz, dessen Lieblichkeit ich blicken durft'.
Und mag ich leben oder sterben
so war und bin ich doch - voller Stolz und mit ganzem Herzen -
ein Rabenmund.
GLORIA DARPATIA